Siegen - Private Zuzahlungen zu Gesundheitsleistungen schwächen das Vertrauen der Bürger in ihr Gesundheitssystem. Zu diesem Ergebnis kommt Professor Claus Wendt in einem an der Universität Harvard durchgeführten Forschungsprojekt.
In der Studie vergleichen Prof. Wendt von der Universität Siegen und sein Team die Gesundheitssysteme von Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden, Australien, Neuseeland, Kanada und den Vereinigten Staaten. Der Soziologe weist darin nach, dass in Deutschland fast jeder achte Befragte die Erfahrung gemacht hat, dass er aufgrund zu hoher Kosten trotz einer gesundheitlichen Beeinträchtigung nicht zum Arzt gegangen ist. In dem Gesundheitssystem der Vereinigten Staaten, das sich weitgehend auf private Krankenversicherungen stützt, verzichtete sogar jeder Vierte auf einen Arztbesuch, obwohl Gesundheitsprobleme vorlagen. Bürger in Großbritannien und den Niederlanden berichteten dagegen kaum von einer solchen Barriere beim Zugang zur ärztlichen Versorgung.
Die Forscher fragten zudem, ob die Bürger in den sieben Ländern darauf vertrauen, dass sie bei einer schwerwiegenden Erkrankung die notwendige ärztliche Hilfe erhalten. In Deutschland fehlt jedem Vierten die Zuversicht, bei einer schweren Erkrankung ausreichend medizinisch versorgt zu werden. Besonders gering ist dieses Vertrauen bei Personen mit einem niedrigen Einkommen, einem schlechten Gesundheitszustand und bei denjenigen, die die Erfahrung gemacht haben, dass sie aufgrund zu hoher privater Kosten trotz gesundheitlicher Probleme nicht zum Arzt gegangen sind.
Das Fazit des Wissenschaftlers: „Die nun vorliegende Studie zeigt, dass private Zuzahlungen das Vertrauen der Bürger in das Gesundheitssystem nachhaltig schwächen.“
Interview
„Weitere Zuzahlungen sind der falsche Weg“
Siegen – Um noch mehr über die Untersuchung zu erfahren, haben wir den Studienleiter Prof. Claus Wendt, seit 2009 Professor für Soziologie der Gesundheit und des Gesundheitssystems an der Universität Siegen, befragt.
Vor welchem Hintergrund haben Sie die Studie durchgeführt? Worauf basierte Ihr Forschungsinteresse?
Wendt: Uns ging es zunächst um das Vertrauen der Bürger in das Gesundheitssystem. Hier bestehen zwei unterschiedliche Forschungstraditionen: Die eine ist auf das Vertrauen des Patienten in den eigenen Arzt ausgerichtet und die zweite untersucht das Vertrauen in das Gesundheitssystem insgesamt. Für den ersten Bereich liegen Daten vor, die belegen, dass das Vertrauen in den eigenen Arzt nach wie vor hoch ist. Bei der Zufriedenheit mit dem Gesundheitssystem insgesamt sehen wir allerdings eine abnehmende Tendenz.
In unserer Studie wollten wir diese beiden Bereiche miteinander verbinden und haben die wesentlich konkretere Frage danach gestellt, ob Menschen bei einer sehr ernsthaften Erkrankung glauben, die notwendigen medizinischen Leistungen zu erhalten. Motiviert waren wir durch bestimmte Entwicklungen in einer Reihe von Gesundheitssystemen, wie beispielsweise die Tendenz der ansteigenden privaten Zuzahlungen oder auch des zunehmenden Wettbewerbs im Gesundheitswesen. Die mangelnde Zuversicht vieler Bürgerinnen und Bürger bei einer schwerwiegenden Erkrankung ausreichend versorgt zu werden, ist deshalb besonders problematisch, da ein solidarisches Gesundheitssystem langfristig nur bestehen kann, wenn die Menschen Vertrauen haben.
Bereits in vergangenen Studien haben wir untersucht, wie Gesundheitssysteme von den Bürgerinnen und Bürgern wahrgenommen und bewertet werden. Ein interessanter Faktor war hier die Bedeutung des Staates. Es wurde untersucht, wie wichtig es für die Bürger ist, dass der Staat eine zentrale Rolle bei der Gesundheitsversorgung spielt. Bei dieser Frage sehen wir sehr hohe Werte in fast allen Ländern, es bestehen fast keine Unterschiede auf europäischer Ebene und es sprechen sich übergreifend um die 80 Prozent für eine zentrale Rolle des Staates in gesundheitlichen Aspekten aus. Wir sehen also, dass das Gesundheitssystem weiterhin in staatlicher Hand bleiben soll und eine Privatisierung vom größten Teil der Bevölkerung nicht gewünscht ist.
Was planen Sie über die Veröffentlichung der Studie hinaus mit den Ergebnissen?
Wendt: Unsere Möglichkeiten sind hier leider sehr begrenzt. Wir hoffen, dass das Thema über die Medien und über politische Akteure an die Öffentlichkeit getragen werden kann. Wir planen jedoch die Studienergebnisse nicht nur in wissenschaftlichen Fachzeitschriften zu veröffentlichen, sondern auch in weiteren Medien, um die Informationen dem Bürger leichter zugänglich zu machen.
Beabsichtigen Sie, die Ergebnisse aktiv an politische Entscheidungsträger heranzutragen?
Wendt: Es ist leider so, dass Wissenschaft und Politik in Deutschland sehr getrennte Bereiche sind. Gesundheitspolitische Entscheidungen basieren zu selten auf wissenschaftlichen Studien. Der Beleg, dass Zuzahlungen und Wettbewerb das Vertrauen der Bürger in das Gesundheitssystem schwächen, muss jedoch unbedingt zu den politischen Entscheidungsträgern gelangen. Wir planen aktuell eine Plattform für den Austausch zwischen Wissenschaft und Politik, wobei hier die Finanzierungsfrage noch nicht abschließend geklärt ist. Angedacht ist eine internationale Konferenz-Reihe, die dazu dienen soll, den Austausch zwischen Wissenschaftlern, Politikern und weiteren Akteuren des Gesundheitssystems zu intensivieren.
Wie lautet Ihre Zukunftsprognose für die Entwicklung von privaten Zuzahlungen im deutschen Gesundheitswesen?
Wendt: Wenn man die bisherigen Entwicklungen als Maßstab nimmt, muss man davon ausgehen, dass noch weitere Zuzahlungen hinzu kommen werden. Dies halte ich jedoch für den falschen Weg. Man kann in bestimmten Bereichen mit Zuzahlungen arbeiten, aber das entsprechende Instrument muss so einfach wie möglich sein. Die Menschen müssen es verstehen können, es muss berechenbar sein und man muss einfache Mechanismen haben. Denkbar wäre ein jährlicher Höchstbetrag an Zuzahlung unabhängig vom Einkommen, wie es auch in anderen Ländern bereits praktiziert wird. Für chronisch Kranke wäre dies beispielsweise eine Möglichkeit, die dafür sorgen würde, dass sie genau wüssten, wie viel Geld sie im Jahr für Zuzahlungen einplanen müssten. Auch ältere Menschen müssten keinen Antrag auf Befreiung von Zuzahlungen stellen, sondern würden ganz unbürokratisch ab einem jährlichen Höchstbetrag keine weiteren Zuzahlungen entrichten. Solche einfachen und klaren Modelle sollte man andenken.