Berlin - „Die große Stärke war und bleibt die Unterstützung von Betroffenen durch Betroffene auf Augenhöhe.“ So beschreibt die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, Ulrike Flach, auf dem Selbsthilfekongress 2011 der Barmer GEK den Stellenwert der Selbsthilfe aus Sicht der Bundesregierung.
Aus diesem Grund sei die Selbsthilfe auch zu einer wichtigen Säule bei der gesundheitlichen Versorgung herangewachsen. Dr. Martin Danner, Bundesgeschäftsführer der BAG Selbsthilfe, macht deutlich: „Gegenseitige Unterstützung im Umgang mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen, die gemeinsame Interessenvertretung und das strukturierte Einbringen von Betroffenenkompetenz in das Gesundheitssystem, das sind die Kernelemente der Selbsthilfebewegung in Deutschland.“ Damit sei sie das Schwungrad für mehr Patientenorientierung im Gesundheitswesen. Darüber hinaus habe sich die Selbsthilfe als fester Partner der gesetzlichen Krankenversicherung etabliert. Erfahrungen und Eigeninitiative der Betroffenen seien generell für die Gesundheitsversorgung unverzichtbar geworden. Das wiederum stelle die Selbsthilfe auch zunehmend vor Probleme, merkt Danner an. Selbsthilfeorganisationen seien an der Erarbeitung von Behandlungsleitlinien beteiligt, zertifizierten bestehende Versorgungsangebote, unterstützten die Forschung an Arznei- und Hilfsmitteln und vieles andere mehr. Er forderte die Selbsthilfeorganisationen auf, „auch einmal Nein zu sagen“. Die Selbsthilfe könne entscheiden, welchen Aufgaben sie sich stelle, wofür sie Ressourcen einsetze und mit wem sie kooperiere. Wenn das Gesundheitssystem der Selbsthilfe neue Aufgaben übertrage, dann müssten auch ihre Ressourcen gestärkt werden, mahnt der Vertreter der BAG Selbsthilfe. Bei den Kommunen sei die Tendenz spürbar, sich aus der Finanzierung der Selbsthilfe zurückzuziehen.
Kassen-Vize: Geld ist gut angelegt
Die gesetzlichen Krankenkassen werden in diesem Jahr rund 40 Millionen Euro für die Selbsthilfeförderung ausgeben. Größter Einzelförderer der Selbsthilfe ist die Barmer GEK. Deren stellvertretender Vorstandsvorsitzender Dr. Rolf-Ulrich Schlenker sieht das Geld gut angelegt: „Dadurch nutzen wir das Expertenwissen von chronisch kranken oder behinderten Menschen für eine patientengerechte Versorgung.“ Die Selbsthilfeförderung liege im gesamtgesellschaftlichen Interesse, ein insgesamt stärkeres Engagement auch von Ländern und Kommunen sei daher wünschenswert. „Auch ein angemessener und stabiler Beitrag der privaten Krankenversicherung ist längst an der Zeit.“
Selbsthilfe heute
Schätzungen gehen von 70.000 Selbsthilfegruppen in Deutschland mit rund 3 Millionen Mitgliedern aus. Rund acht Prozent der Erwachsenen haben schon einmal an einer Selbsthilfegruppe teilgenommen. Die Selbsthilfeförderung, zunächst als Kann-Leistung 1992 ins Sozialgesetzbuch aufgenommen, ist seit 2008 für alle gesetzlichen Krankenkassen obligatorisch. Vordringliche Aufgabe der rund 250 Selbsthilfeorganisationen hierzulande ist die gegenseitige Information, Beratung und Unterstützung. Außerdem fungiert die Selbsthilfe als gesundheitspolitische Interessenvertretung und Politikberatung der Betroffenen. Mit dem Prozess ihrer Aufwertung ging eine Institutionalisierung einher. So sitzen seit 2004 Patientenvertreter im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), dem gemeinsamen Selbstverwaltungsgremium von Ärzten, Kliniken und Krankenkassen. Seitdem wird immer wieder diskutiert, ob die Rechte der Patientenvertreter im G-BA zu erweitern seien – beispielsweise ein Stimmrecht anstelle des Mitberatungsrechtes einzuführen.