Patientenbrief

NON-ADHERENCE
Unterstützung statt Schuldzuweisungen

Berlin - Bei Non-Adherence handelt es sich nicht um ein unbedeutendes Phänomen, sondern ein weltweites Problem mit erheblichen Konsequenzen.

Der Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization, kurz WHO) zufolge setzen in den Industrienationen nur 50 Prozent der chronisch Kranken ihre Therapieempfehlungen um, in Entwicklungsländern liegt der Anteil sogar unter 50 Prozent. Die WHO, die sich in einem Bericht ausführlich mit dem Thema beschäftigt, nennt auch konkrete Beispiele: In Australien nehmen nur 43 Prozent der Asthma-Patienten ihre Arzneien stets so ein wie verschrieben, nur 28 Prozent benutzen die ihnen verordnete präventive Medizin. In den USA kümmern sich weniger als zwei Prozent der erwachsenen Diabetes-Patienten in dem Maße um ihre Krankheit und Therapie, wie es die American Diabetes Association empfiehlt.

Folgen für die Patienten
Angesichts der Zunahme chronischer Krankheiten geht die WHO davon aus, dass sich die Bedeutung der Non-Adherence in den nächsten Jahren noch verstärken dürfte. Die Folgen davon bekommen die Patienten selbst zu spüren: Chronisch Kranke sind einer Reihe potentiell lebensbedrohlicher Risiken ausgesetzt, wenn sie ihre Therapieempfehlungen nicht befolgen. Dazu zählt die Weltgesundheitsorganisation unter anderem: Rückfälle, ein erhöhtes Abhängigkeitsrisiko (viele Medikamente können eine ernsthafte Abhängigkeit erzeugen, wenn sie nicht ordnungsgemäß eingenommen werden), ein erhöhtes Risiko, Resistenzen gegenüber gewissen Therapien zu entwickeln, Vergiftungsrisiko sowie eine erhöhte Unfallgefahr.

Was kostet Non-Adherence?
Auf ökonomischer Ebene sorgt Non-Adherence für steigende Ausgaben. Dazu zählt man direkte Kosten – veranlasst beispielsweise durch Krankenhauseinweisungen – aber auch indirekte Kosten. Darunter lassen sich beispielsweise Frühverrentungen und Arbeitsunfähigkeitstage subsummieren. Das Deusche Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) beziffert die direkten und indirekten Kosten, die jährlich aufgrund einer mangelhaften Compliance und Adherence bei der Medikamenteneinnahme entstehen, auf zehn Milliarden Euro. Zum Vergleich: Die Kosten liegen damit in einer Größenordnung der Ausgaben für Volkskrankheiten wie etwa die koronare Herzkrankheit.

WHO fordert mehr Unterstützung für Patienten
Gerade angesichts der angespannten Finanzsituation vieler Gesundheitssysteme sind Kosten dieser Dimension ein gewaltiges Problem. Allerdings unterstreicht die WHO in ihrem Bericht ausdrücklich, dass es bei Non-Adherence nicht darum gehen könne, Patienten zu beschuldigen, viel mehr müssten sie unterstützt werden („patients need to be supported, not blamed“). Kritisch merkt sie in ihrem Bericht an, dass es noch immer die Tendenz gebe, sich auf die Gründe zu konzentrierten, die auf Patientenseite dazu führten, die empfohlene Therapie nicht zu befolgen. Die Gründe, die seitens der Leistungserbringer oder seitens des Versorgungssystems bestehen, würden meist außer Acht gelassen.

Wodurch entsteht Non-Adherence?
Bei der WHO wird zwischen fünf Faktoren unterschieden, die einen potenziellen Einfluss auf die Adherence der Patienten haben. Dies sind:

  • Soziale und ökonomische Faktoren: Die WHO geht davon aus, dass ein geringer sozioökonomischer Status, Analphabetismus, eine geringe Bildung, Arbeitslosigkeit, wenig stabile Lebensumstände, hohe Transport- und Medikationskosten etc. die Therapietreue negativ beeinflussen können.
  • Faktoren im System und seitens der Behandler: Bislang gibt es wenig Forschung dazu, in wie weit die Versorgungssysteme selbst oder Ärzte und Pflegekräfte für eine schlechte Adherence verantwortlich sind. Es ist aber davon auszugehen, dass beispielsweise eine mangelnde Kontinuität in der Behandlung, wenig finanzielle Anreize für die „sprechende Medizin“ oder eine schlechte Arzt-Patienten-Beziehung der Adherence nicht gerade förderlich sind.
  • Krankheitsfaktoren: Wie schwer sind die Symptome, wie hoch das Level der Behinderung, wie schnell schreitet die Krankheit voran? Davon hängt ab, wie der Patient sein Krankheitsrisiko wahrnimmt und welche Bedeutung er der Therapie und dem Festhalten daran einräumt.
  • Therapiefaktoren: Auch von der Komplexität der Therapie, der Dauer sowie vorangegangenen Misserfolgen der Behandlung etc. kann die Therapietreue beeinflusst werden.
  • Faktoren auf Patientenseite: Darunter versteht die WHO beispielsweise die Ressourcen, das Wissen, die Einstellungen, den Glauben und die Erwartungen der Kranken. Sind Patienten vergesslich, stehen sie unter psychosozialem Stress, haben sie Angst vor möglichen Nebenwirkungen? Es gibt zahlreiche persönliche Einflüsse auf den Umgang mit der eigenen Krankheit.

Fazit: Angesichts dieses komplizierten Geflechts möglicher Einflussfaktoren liegt es auf der Hand, dass es kein Patentrezept geben kann, um Adherence-Probleme zu lösen. Die WHO empfiehlt unter anderem krankheitsbezogene Strategien sowie Schulungen für die Versorger. Aber auch Angehörige und Patientenorganisationen spielen eine Schlüsselrolle, wenn es darum geht, die Adherence zu verbessern.

Der Bericht der WHO („Adherence To Long-term Therapies: Evidence for action“) kann im Internet nachgelesen werden: www.who.int (PDF)

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