Berlin - Wie erfolgreich sind Compliance/Adherence fördernde Maßnahmen in der Arzneimitteltherapie? Mit dieser Frage hat sich das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) befasst.
Eine systematische Literaturrecherche zur Evaluation bisheriger Initiativen wurde im Januar 2007 in den medizinischen, darunter auch gesundheitsökonomisch relevanten, elektronischen Datenbanken ab 2002 durchgeführt.
Mehrere Interventionen mit positivem Effekt
Die gute Nachricht: Bei 22 untersuchten Maßnahmen wurde über einen signifikanten positiven Effekt auf den Therapieerfolg berichtet. Bei mehreren Interventionen werden diese Ergebnisse als verlässlich eingestuft:
Was wirkt bei Diabetes mellitus und Asthma?
Ein signifikanter Effekt bei der langfristigen Therapie von Diabetes mellitus wurde bislang nur für die automatisierte telefonische Patientenbeobachtung und -beratung festgestellt. Anrufe alle zwei Wochen von einem automatisierten telefonischen System sowie telefonische Beratung bei Problemfällen erwiesen sich als wirksamer im Vergleich zu keiner Intervention bei unter 75 Jahre alten Patienten mit Diabetes mellitus. Bei dieser Studie wurden objektive Instrumente zur Messung des Therapieerfolgs angewendet (HbA1c, Blutglukose), die Aussagen sind daher als zuverlässig einzustufen.
Näher betrachtet wurden auch Maßnahmen bei der Therapie von Asthma und/oder chronisch obstruktiver Lungenerkrankung. Ein Ergebnis: Mehrmalige Beratungen waren signifikant wirksamer als keine Beratungen bei über 18 Jahre alten Patienten mit akuter Asthmasymptomatik. Ein deutlich besserer Lungenfunktionstest, weniger Symptome, Arbeitsunfähigkeitstage und ärztliche Konsultationen wurden bei dieser Intervention im Vergleich zu keiner Beratung festgestellt. Bei über 18 Jahre alten Patienten mit expiratorischer Stenoseatmung erwies sich ein Programm mit Aushändigung einer Informationsbroschüre, persönlicher Beratung, Besuch einer Asthma-Unterstützungsgruppe und Telefonanrufen im Follow-up als wirksamer gegenüber alleiniger Ausgabe der Broschüre.
Unabhängig von der jeweiligen Erkrankung kommen die Experten zu folgender allgemeingültigen Aussage: Die meisten der hinsichtlich des Therapieerfolges erfolgreichen Maßnahmen gehören zu den Leistungen der so genannten sprechenden Medizin; so gab es häufigen Kontakt zwischen den Leistungserbringern und Patienten im Laufe der Therapie.
Partizipative Entscheidungsfindung besonders wichtig
Der Bericht verdeutlicht auch Probleme und Handlungsbedarf: So lag der Fokus der untersuchten Studien überwiegend auf patienten- und therapiebezogenen Faktoren der Compliance bzw. Adherence. Gesundheitssystembezogene Maßnahmen, die darauf auch wesentlichen Einfluss haben, wurden bislang nicht adäquat untersucht. Ferner sollte die Kosten-Nutzen-Relation dieser Maßnahmen noch untersucht werden. Auch ethische Aspekte spielten noch keine Rolle, allerdings wird diskutiert, dass die Compliance/ Adherence steigernden Maßnahmen möglicherweise die Unabhängigkeit und Privatsphäre der Patienten einschränken. Aus dieser Sicht sei die „partizipative Entscheidungsfindung“ in der Patient-Arzt-Beziehung von besonderer Bedeutung, heißt es im DIMDI-Bericht. Ein weiteres Manko: Über den Zugang verschiedener sozialer Schichten und ethnischer Gruppen zu den Compliance/Adherence fördernden Maßnahmen fehlen Daten für Deutschland. Die Wissenschaftler gehen jedoch davon aus, dass im Alltag solche Aktionen eher Menschen mit höherem Bildungsniveau angeboten bekommen. Der Zugang solle möglichst allen sozialen Schichten garantiert werden – schon aufgrund der Tatsache, dass in Deutschland Menschen aus unteren Sozialschichten sieben Jahre früher als Menschen aus höheren Schichten an einer chronischen Krankheit leiden.
Der Titel „Maßnahmen zur Verbesserung der Compliance bzw. Adherence in der Arzneimitteltherapie mit Hinblick auf den Therapieerfolg“ von Vitali Gorenoi, Matthias P. Schönermark, Anja Hagen ist als HTA (Health Technology Assessment)-Bericht 65 erschienen. Er ist auf der Homepage des DIMDI zu finden unter: http://portal.dimdi.de (PDF)