Oberursel/Berlin - Wie beurteilen Patienten mit wiederkehrenden oder chronischen Schmerzen ihre Versorgung? Eine Online-Umfrage der Deutschen Schmerzliga soll darüber Informationen aus Sicht der Betroffenen liefern.
Die Umfrage umfasst neun Fragen. Die Teilnehmer sollen unter anderem angeben, wie viele Ärzte sie bislang wegen ihrer Schmerzen konsultiert haben und ob sie bei einem Schmerztherapeuten in Behandlung sind. Ein weitere Frage lautet: „Wenn Sie in schmerztherapeutischer Behandlung sind, wie lange hat es gedauert, bis sie zu einem Schmerztherapeuten überwiesen wurden bzw. erstmals einen Schmerztherapeuten konsultiert haben?“
Schmerzchronifizierung durch frühzeitige Behandlung verhindern
Schätzungsweise 15 Millionen Menschen leiden in Deutschland an chronischen oder wiederkehrenden Schmerzen, fünf bis sechs Millionen sind schwer betroffen, ihr Schmerz ist zur eigenständigen Krankheit geworden. Zwar bestreitet heute niemand mehr das Recht dieser Menschen auf eine adäquate Schmerztherapie, doch ist die Versorgung mit spezialisierten Zentren in Deutschland keineswegs flächendeckend. Erforderlich wären 2.000 solcher Einrichtungen, doch es gibt allenfalls 500 bis 600 Zentren, die ausschließlich Schmerztherapie betreiben. Hinzu kommen Defizite in der Medizinerausbildung und Mängel in der Struktur des Gesundheitssystems, die dazu beitragen, dass Schmerzen chronisch werden. Es dauert daher in den meisten Fällen noch immer viele Jahre, bis Patienten zu einem Spezialisten kommen. „Dabei wäre es wichtig, die Chronifizierung von Schmerzen durch eine frühzeitige Behandlung möglichst zu verhindern oder den verhängnisvollen Prozess in der Anfangsphase zu stoppen", sagt Dr. Marianne Koch, Präsidentin der Deutschen Schmerzliga.
Neue Studie: der DAK-Versorgungsatlas Schmerz
Und doch tut sich etwas in Sachen Schmerz. Denn auch Krankenkassen werden mittlerweile aktiv, um die Versorgung von Schmerzpatienten zu erfassen. Die DAK hat kürzlich den „Versorgungsatlas Schmerz“ vorgestellt, der die Situation von Rückenschmerzpatienten analysiert. Anspruch der Studie ist es, das Rüstzeug für ein gezieltes Versorgungsmanagement der Kasse zu liefern, indem sie dabei hilft, Risikogruppen zu erkennen. Es sei wichtig, bestimmte Schmerzpatienten rechtzeitig zu identifizieren, betont DAK-Chef Prof. Herbert Rebscher auf einer Pressekonferenz in Berlin. „Durch den Einsatz geeigneter Therapieoptionen ist es möglich, einen schweren, meist chronischen Verlauf, der immer mit höheren Kosten verbunden ist, zu vermeiden.“
Patienten fehlt Lotse im System
Zentrales Ergebnis der DAK-Analyse: Nur sehr wenige Patienten mit Rückenschmerzen bekommen eine schmerztherapeutische Behandlung im Sinne einer multimodalen Schmerztherapie. Außerdem gilt offenbar die Regel: Je spezifischer der Rückenschmerztyp, desto häufiger die ambulanten Behandlungsfälle. Laut Studie suchten über 80 Prozent der Versicherten mit spezifischen Rückenschmerzen im Untersuchungszeitraum mehr als eine relevante Facharztgruppe auf. Prof. Gerd Glaeske von der Universität Bremen, der an der Untersuchung mitgewirkt hat, weist außerdem darauf hin, dass die Betroffenen ein breites Spektrum an ärztlichen Disziplinen in Anspruch nehmen: „Die unsystematische Kontaktaufnahme mit den Fachgruppen deutet darauf hin, dass es keine steuernde Wirkung im System gibt.“ Ein weiteres Ergebnis: Je stärker der Hinweis auf eine Schmerzchronifizierung, desto höher die direkten Versorgungskosten. Glaeske schätzt, dass sich durch eine 100prozentige Verhinderung der Schmerz-chronifizierung rund 120 Millionen Euro einsparen ließen.
Der DAK-Atlas beruht auf Routinedaten der Kasse aus dem Jahr 2006. Weitere Informationen unter www.presse.dak.de
Zur Umfrage der Schmerzliga: Die Online-Umfrage der Patientenorganisation soll die Versorgungssituation aus der Sicht der Patienten beleuchten. Sie ist bis voraussichtlich Ende April unter www.schmerzliga.de freigeschaltet.