Berlin - Was genau versteht man unter Versorgungsforschung – und welche Zielsetzung verfolgt dieses fachübergreifende Forschungsgebiet?
Bei der Behandlung von Volkskrankheiten in Deutschland wird immer wieder eine Über-, Unter- und Fehlversorgung festgestellt. Die Versorgungsforschung kann zur Überwindung solcher Probleme und zur Weiterentwicklung des Versorgungssystems beitragen. Es können auf wissenschaftlicher Grundlage entwickelte Instrumente in die medizinische Versorgung eingeführt und allgemeine Erkenntnisse über das Versorgungsgeschehen für die gesundheitspolitische Entscheidungsfindung genutzt werden. Auch die angestrebte evidenzbasierte Steuerung des Gesundheitswesens benötigt in weiten Teilen eine wissenschaftliche Grundlage.
Versorgung unter Alltagsbedingungen wird untersucht
Aufgaben gibt es für die Versorgungsforschung genug, doch was genau steckt hinter diesem Wissenschaftszweig? Der Arbeitskreis Versorgungsforschung beim Wissenschaftlichen Beirat der Bundesärztekammer definiert sie als „wissenschaftliche Untersuchung der Versorgung von Einzelnen und der Bevölkerung mit gesundheitsrelevanten Produkten und Dienstleistungen unter Alltagsbedingungen.“
Bei der Versorgungsforschung handelt es sich somit um ein fachübergreifendes Forschungsgebiet, das
Versorgungsforschung umfasst unterschiedliche Teilgebiete
Die Versorgungsforschung gehört zur Gesundheitssystemforschung und orientiert sich am systemtheoretischen „input – throughput – output – outcome“-Modell nach Pfaff. Im Rahmen dieser Systematik lassen sich verschiedene Forschungsteilgebiete unterscheiden:
Die „letzte Meile“ im Fokus
Forschungsgegenstand ist die so genannte „letzte Meile“ des Gesundheitssystems: Darunter wird die konkrete Kranken- und Gesundheitsversorgung in Krankenhäusern, Arztpraxen und sonstigen Einrichtungen verstanden (Mikroebene). Organisationen und Institutionen der Meso- und Makroebene wie Krankenkassen, Ärzteverbände oder auch Selbsthilfeorganisationen gehören dann zum Gegenstand der Versorgungsforschung, wenn sie die „letzte Meile“ mitprägen und als Einflussfaktoren zur Erklärung der Versorgungsfunktion notwendig sind.
Daten für Taten
Die Ergebnisse der Versorgungsforschung können und sollten genutzt werden, um die Akteure des Gesundheitswesens, insbesondere die Politik, auf Basis valider wissenschaftlicher Erkenntnisse zu unterstützen und beraten. Auch kann die Versorgungsforschung dazu beitragen, die Potenziale der klinischen, methodischen und sonstigen gesundheitswissenschaftlichen Fächer problemorientiert zu bündeln und zur Entfaltung zu bringen. Sie stellt zudem eine Chance dar, Wissenschaft und Praxis zusammenzuführen. Experten zufolge wird dies alles jedoch nur gelingen, wenn sich ein interdisziplinärer Dialog etabliert.
Quellen:
Arbeitskreis „Versorgungsforschung“ beim Wissenschaftlichen Beirat der Bundesärztekammer:
Definition und Abgrenzung von Versorgungsforschung
Holger Pfaff: Versorgungsforschung – Begriffsbestimmung, Gegenstand und Aufgaben (Aufsatz)
H. Pfaff (2003): Versorgungsforschung - Begriffsbestimmung, Gegenstand und Aufgaben. In: Pfaff, Schrappe, Lauterbach u.a. [Hrsg.]: Gesundheitsversorgung und Disease Management. Verlag Hans Huber, Bern u.a.