Berlin - Prävention ist eine der bedeutendsten Herausforderungen, denen sich die Gesundheitspolitik stellen muss. Wie soll es damit weiter gehen?
Im Koalitionsvertrag heißt es dazu:
„Prävention ist ein wichtiger Baustein für ein gesundes Leben und für unsere Gesellschaft. Sie muss zu allererst bei Kindern und Jugendlichen ansetzen. Prävention kann dabei helfen, künftige Belastungen der Sozialsysteme zu verringern. Zielgruppenspezifische Aufklärung soll dazu beitragen, Eigenverantwortlichkeit und Gesundheitsbewusstsein zu stärken. Unsere Präventionsstrategie wird Vorhandenes bewerten und aufeinander abstimmen, nationale und internationale Erfahrungen und Erkenntnisse analysieren sowie auf bewährten Programmen und Strukturen aufbauen, diese weiterentwickeln und sie in die Fläche bringen. Dazu bedarf es einer klaren Aufgaben- und Finanzverteilung unter Berücksichtigung und Stärkung der vorhandenen Strukturen.“
Rosenbrock vom Koalitionsvertrag enttäuscht
Soweit die Absichtserklärung der schwarz-gelben Koalitionäre. Doch wie ist diese zu bewerten? Prof. Rolf Rosenbrock vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung zeigt sich auf dem Kongress Armut und Gesundheit vom Koalitionsvertrag sehr enttäuscht. Die geplante Finanzreform der gesetzlichen Krankenversicherung werde starke soziale Kämpfe auslösen. „Wir werden es dann sehr schwer haben, das Thema Prävention sichtbar zu halten“, prognostiziert er. Zudem setze die neue Regierung laut Vertrag bei der Vorbeugung vor allem auf gesundheitliche Aufklärung. Die Vorstellung, dass mehr Information zu einem angemessenen Gesundheitsverhalten führt, hält Rosenbrock für überholt und verweist auf die bescheidenen Erfolge der Gesundheitserziehung der letzten 70 Jahre. Der Wissenschaftler bricht dagegen eine Lanze für eine verhältnis- und nicht verhaltensbezogene Vorbeugung. Sozial benachteiligte Menschen haben ein höheres Krankheitsrisiko und eine deutlich geringere Lebenserwartung. Rosenbrock appelliert daher: „Wir brauchen ein Umdenken in der Politik. Alle Kinder, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft, müssen die Chance auf ein Leben in Gesundheit und zur Verwirklichung ihrer Potenziale haben.“
Widmann-Mauz will Prävention ausbauen
Für einen Ausbau der Prävention spricht sich Annette Widmann-Mauz (CDU), Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, aus. „Unser Ziel ist es, Prävention mit neuer Strategie anzugehen“, sagt sie bei einer Veranstaltung des IKK e.V. mit dem Titel „Überschätzte Vorsorge?“. „Wir müssen mehr investieren, aber nicht mit mehr Bürokratie“, untermauert die CDU-Politikerin. Erforderlich sei unter anderem eine „zielgruppenspezifische Beratung“ sowie Vernetzung, beispielsweise mit dem Krebsinformationsdienst. Im Hinblick auf die Einführung weiterer Krebsfrüherkennungsprogramme betont Widmann-Mauz: „Wir brauchen Evaluationsergebnisse für die Ausgestaltung.“ Bei der betrieblichen Gesundheitsförderung setzt sie auf die bereits gewonnenen Erfahrungen: „Unser Ziel muss es sein, auf Bewährtes aufzusetzen und in die Versorgungslandschaft zu integrieren.“ Auf der gleichen Veranstaltung sagt Dr. Rainer Hess, Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses, dass alle Krebsfrüherkennungsprogramme besser qualitätsgesichert untersucht werden müssten: „Die Frage ist, was wir damit erreichen wollen und wo wir besser werden können.“ Er fordert die Ärzte auf, jene, die eine Vorsorgeuntersuchung in Anspruch nehmen wollen, intensiver zu beraten – „auch über die Risiken“. Dieser Aspekt würde bisher eher vernachlässigt.
Alkoholprävention dringend erforderlich
Nach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes wurden im Jahr 2008 mehr als 25.000 Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 20 Jahren aufgrund akuten Alkoholmissbrauchs stationär behandelt. Das bedeutet eine Steigerung um elf Prozent im Vergleich zum Vorjahr, gegenüber dem Jahr 2000 sind es sogar 170 Prozent mehr. „Die aktuellen Entwicklungen beim Alkoholmissbrauch unter Kindern und Jugendlichen sind erschreckend“, sagt Dr. Cornelia Goesmann. Die Vizepräsidentin der Bundesärztekammer betont: „Es ist gut, dass die Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag der Alkoholprävention eine besondere Bedeutung beimisst, die vor allem bei Kindern und Jugendlichen ansetzen soll.“ Das Vorhaben, die bestehenden Präventionsstrategien zu überprüfen und Programme zu entwickeln, die Eltern mit einbeziehen, sei ein richtiger Ansatz.
Zum Statement von Dr. Cornelia Goesmann gelangen Sie über folgenden Link: www.bundesaerztekammer.de