Berlin - Die Nutzenbewertungen von Diabetes-Medikamenten bilden den Lebensalltag von Patienten nicht ab, kritisiert Dieter Möhler, Vorsitzender des Deutschen Diabetiker Bundes, auf einer Veranstaltung in Berlin.
Damit ging Möhler, der seit November 2009 Vorsitzender des Diabetiker Bundes ist, mit einem relativ neuen Instrument der deutschen Gesundheitspolitik hart ins Gericht. Die Nutzenbewertungen werden seit 2007 vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), dem Selbstverwaltungsgremium aus Ärzten und Krankenkassen, in Auftrag gegeben. Sie sollen wissenschaftliche Belege dafür finden, ob eine Therapie mehr Nutzen hat als andere Alternativen. Sollte dies nicht der Fall sein, kann der G-BA beispielsweise ein Arzneimittel aus dem Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenkassen streichen. Dass der Mehrnutzen jedoch statistisch erfassbar ist, zweifelt Möhler, selbst Typ 1–Diabetiker, an. Bisher wurden vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) neun Bewertungen im Bereich Diabetes durchgeführt, in sieben Fällen erkannte das Institut keinen Zusatznutzen gegenüber herkömmlichen Therapieformen. In den zwei übrigen Fällen war die Datenlage laut IQWiG zu schlecht für eine Bewertung. „Das ist absolut realitätsfern und zeigt nur, dass der Lebensalltag von Patienten zugunsten der hohen Anforderungen an die Qualität der zugrunde liegenden Studien durchfällt“, erklärt Möhler auf einem Workshop des IGES Instituts in Berlin.
Individueller Nutzen wird nicht erfasst
In den Bewertungen werde der konkret-individuelle Nutzen, den ein Präparat für den Patienten hat, nicht ausreichend erfasst, umreißt Möhler das Kernproblem. „Ein positiver Effekt ist nicht immer klinisch reproduzierbar, die Studien legen viel zu hohe Maßstäbe an.“ Seine Forderung: Alle Untersuchungen über die Wirksamkeit und den Zusatznutzen von Medikamenten sollen an der potenziellen Patientensituation ausgerichtet werden. Wenn die wissenschaftliche Bewertung zu abstrakt werde, sei damit am Ende niemandem geholfen, sagt Möhler im Hinblick darauf, dass die bewerteten Arzneimittel von der Verordnung ausgeschlossen werden können. Er verdeutlicht dies anhand der Hypoglykämien, die für Diabetiker lebensbedrohlichen Unterzuckerungen. „Diese gefährlichen Ereignisse lassen sich nicht im statistischen Mittel unter Laborbedingungen testen. Wenn man eine Hypoglykämie erleidet und einem unter seinen individuellen Bedingungen ein Medikament helfen kann, ist auch eine vorbildliche Studie irrelevant“, so der Patientenvertreter. Er merkt an, dass in allen IQWiG-Bewertungen Hinweise darauf gefunden wurden, dass die Medikamente in Einzelfällen helfen könnten.
Möhler will Therapiehinweise statt Ausschluss
Der Vorsitzende des Diabetiker Bundes regt an, anstelle des rigorosen Erstattungsausschlusses von Medikamenten häufiger Therapiehinweise für Ärzte zu erlassen. „Ich verstehe völlig, dass wir den Nutzen von Arzneimitteln angesichts des demographischen Wandels evaluieren müssen – auch unter Kostengesichtspunkten“, sagt er. Der Gemeinsame Bundesausschuss könnte jedoch fundierte Hinweise erstellen, wann ein Medikament wahrscheinlich nützlich ist und wann nicht. Der behandelnde Arzt hätte dann im konkreten individuellen Fall die Freiheit, auch ein solches Präparat zu verschreiben. Nur der Arzt kenne die Umstände genau und könne sie in seine Entscheidung einbeziehen, so Möhler. Er weist auf dem Workshop allerdings darauf hin, dass in solchen Therapiehinweisen selbstverständlich auch Kostengesichtspunkte berücksichtigt werden müssten. „Der Mittelpunkt Mensch darf dabei aber nicht vergessen werden“, so Möhler abschließend.
Dieter Möhler im Portrait
Der gelernte Rechtswissenschaftler Möhler ist seit dem 19. November 2009 der Vorsitzende des Deutschen Diabetiker Bundes. Bereits seit 1992 führt er gemeinsam mit seiner Frau eine Kanzlei in Meiningen (Thüringen) mit dem Schwerpunkt Arbeits- und Sozialrecht. Im Fokus seiner Arbeit: Menschen mit chronischen Erkrankungen. Vor seinem Engagement im Deutschen Diabetiker Bund hat sich Möhler auf kommunalpolitischer Ebene betätigt, etwa als Stadtrat in Meiningen oder als Kreisrat im Landkreis Schmalkalden. Er ist Vorstandsmitglied der Thüringer Rechtsanwaltskammer. Als Vorsitzender des Diabetiker Bundes trat er die Nachfolge von Heinz Windisch an, dessen Stellvertreter er zuvor war.
Der Veranstalter des „Nationalen Workshops Diabetes Versorgung“, das IGES Institut in Berlin, hat auf seiner Website das Programm der Veranstaltung dokumentiert. Einige Vorträge stehen zudem zum Download bereit. www.iges.de
Auf der Internetseite des Deutschen Diabetiker Bundes sind allgemeine und aktuelle Informationen zur Versorgung von Diabetes zu finden, darunter detaillierte Kommentare zu Bewertungen und Studien. www.diabetikerbund.de