Berlin - Demenz muss als eine der größten gesundheitspolitischen Herausforderungen angenommen, Betroffene sollten strukturierter versorgt und unterstützt werden. Dies ist eine Schlussfolgerung aus der Versorgungsforschungs-Studie der Initiative Demenzversorgung in der Allgemeinmedizin (IDA).
Im Mittelpunkt der Studie stand die Frage, ob sich die Zeit, die Demenzkranke in ihrer vertrauten Umgebung verbringen können, durch spezielle Maßnahmen verlängern lassen. Ein besonderes Merkmal des Konzepts war die qualifizierte Angehörigenberatung durch Fachkräfte, die eng mit den Hausärzten und weiteren Anbietern von Unterstützungsangeboten kooperierten.
Durch aktives Vermitteln einer Angehörigenberatung über den Hausarzt und eine anschließende Kontaktaufnahme der IDA-Berater zu den Angehörigen konnte die Nutzung dieser Angebote bei Patienten mit leichter bis mittelschwerer Demenz gesteigert werden. Die so genannte zugehende Beratung im Projekt ist von den Teilnehmern sehr positiv aufgenommen worden. Fast 80 Prozent der Angehörigen, die diese Unterstützung in Anspruch genommen haben, bewerten das Angebot als positiv, 50 Prozent hat es nach eigener Aussage „sehr geholfen“.
Ob zusätzliche Beratung und Unterstützung aber auch dafür sorgen können, dass Patienten im Unterschied zur Normalversorgung länger zu Hause bleiben, konnte die Studie bislang nicht nachweisen. Auch bezüglich des Krankheitsverlaufs der Patienten sowie der Belastung der pflegenden Angehörigen zeigten sich bislang insgesamt nur geringe und keine signifikanten Unterschiede. Da viele Patienten aufgrund ihres frühen Demenzstadiums jedoch eventuell erst zu einem späteren Zeitpunkt in ein Pflegeheim umziehen, plant das IDA-Projekt eine zusätzliche Auswertung der Ergebnisse zum Umzug ins Heim nach weiteren zwei Jahren.
Häusliche Versorgung ohne Angehörige unmöglich
Der Ansatz, die Demenzversorgung besser zu strukturieren, basiert auch auf der Erkenntnis, dass die familiäre Hilfe für Demenzpatienten aufgrund demografischer Veränderungen zukünftig immer weniger möglich sein wird. Heike von Lützau-Hohlbein, 1. Vorsitzende der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, bezeichnet die pflegenden Angehörigen bei der Pressekonferenz als den „größten Pflegedienst der Nation“. Zwei Drittel aller Erkrankten würden im häuslichen Umfeld versorgt. „Man wird es nur schaffen, diese Richtung weiter zu verfolgen, wenn die Strukturen rund um die familiäre ambulante Pflege verbessert werden“, so von Lützau-Hohlbein weiter.
Das IDA-Projekt hat den Pflegeaufwand der teilnehmenden Angehörigen mit den durchschnittlichen Arbeitskosten eines ambulanten Pflegedienstes beziehungsweise einer Haushaltshilfe bewertet. Dabei zeigte sich, dass eine häusliche Versorgung Demenzkranker ohne pflegende Angehörigen kaum finanzierbar wäre: Unter Einbeziehung der familiären Unterstützung fallen jährliche Kosten von 47.000 Euro pro Patient an. Etwa 80 Prozent davon ergeben sich aus dem Beitrag, den pflegende Angehörige übernehmen. Für die gesetzliche Kranken- und soziale Pflegeversicherung entstehen für einen zu Hause lebenden Demenzpatienten jährlich durchschnittliche Kosten in Höhe von 10.000 Euro.
Das IDA-Projekt:
IDA ist mit 390 teilnehmenden Patienten und deren pflegenden Angehörigen eine bisher einzigartige Initiative in Deutschland und international eine der größten Interventionsstudien zur ambulanten Versorgung von Demenzpatienten. Das Projekt, an dem 129 Hausärzte teilnahmen, wurde von Juni 2005 bis Februar 2009 in der Modellregion Mittelfranken durchgeführt.
Neue Kultur der Nachbarschaft
Der Rendsburger Pflegedienstanbieter Pflege LebensNah hat im September 2009 die Kampagne „Wir sind Nachbarn – Demenzfreundliche Stadt Rendsburg“ ins Leben gerufen. Ziele der Aktion sind die Förderung und der Ausbau einer Kultur der Nachbarschaft. Hier soll, verteilt auf viele Schultern und in einem begrenzten Rahmen, ein soziales Miteinander entstehen, in dem jeder eine Bedeutung für andere hat und man sich mit kleinen Handgriffen gegenseitig hilft. Besonders wichtig ist es, möglichst große Teile der Bevölkerung anzusprechen und über die Krankheit Demenz zu informieren. In einer Vielzahl von Veranstaltungen und Aktionen werden in einem Zeitraum von zwölf Monaten verschiedene Facetten von Demenz und Möglichkeiten der Hilfe in Rendsburg aufgezeigt. „Erkrankte und ihre Angehörigen sollen zurück in die Gemeinschaft geholt werden“, sagt Brigitte Voß, Initiatorin der Kampagne. „Um dies zu erreichen, geht es darum, ein nachbarschaftliches Miteinander im Umgang mit Demenz zu fördern, unseren Blick auf die Menschen zu richten, die in unserer nächsten Umgebung leben.“
Weitere Informationen zur Kampagne „Wir sind Nachbarn – Demenzfreundliche Stadt Rendsburg“ sind im Internet zu finden unter www.pflegelebensnah.de
Umfassende Informationen und der aktuelle Stand der Initiative Demenzversorgung in der Allgemeinmedizin werden dokumentiert unter www.projekt-ida.de