Berlin - Spenderorgane werden nicht willkürlich, sondern nach strengen Regeln verteilt. Die Allokationskriterien sind zwar praktisch erprobt, müssen aber dennoch erheblich weiterentwickelt werden.
Das fordert Dr. Axel Rahmel, Ärztlicher Leiter von Eurotransplant, auf einer Veranstaltung der Bundesärztekammer.
Ethisch und administrativ anspruchsvolle Aufgabe
Die Verteilung der gespendeten Organe ist eine ethisch und administrativ anspruchsvolle Aufgabe, da auch auf lange Sicht der Bedarf die Zahl der bereitstehenden Organe überschreiten wird. Rahmel nennt die Leitsätze der Weltgesundheitsorganisation als wichtigsten Bezugspunkt für die Kriterien, nach denen die Allokation abgewickelt wird. Darin ist festgehalten, dass diese Kriterien objektiv, transparent, fair und gerecht sein müssten. „Trotz dieser Grundsätze gibt es aber erhebliche offene Fragen im Detail“, berichtet Rahmel. Zwar seien Chancengleichheit und Diskriminierungsverbot unstrittig, wie aber die Dringlichkeit und die Erfolgsaussichten einer Transplantation in Einklang gebracht werden können, sei noch nicht abschließend geklärt. Beide Prinzipien haben sich als wichtigster Verteilungsmaßstab bei Eurotransplant etabliert. Am häufigsten werde aber aktuell nach High-Urgency-Kriterien verteilt, erklärt Rahmel. Deren Anteil betrug 2009 rund 80 Prozent.
Rahmel: „Verteilungskriterien müssen erheblich objektiviert werden“
Als Maß für die Dringlichkeit wird im Allgemeinen von der Wahrscheinlichkeit ausgegangen, auf der Warteliste zu versterben. Für die Lebertransplantation gibt es dafür bereits eine transparent berechenbare Größe. Der MELD-Score wird aus drei Laborwerten berechnet und gibt an, mit welcher Wahrscheinlichkeit der Patient auf der Warteliste binnen drei Monaten verstirbt. Seit 2006 verwendet Eurotransplant diese Größe für die Allokation der Spenderlebern. „Dadurch hat sich die Gesamtsterblichkeit auf den Wartelisten signifikant verringert“, so Rahmel. Für andere Organe gibt es, zumindest in Europa, noch keine belastbaren Scores. Das gilt auch für Angaben zur Erfolgsaussicht einer Transplantation. Hier gebe es noch großen Nachholbedarf, vor allem müssten umfassend Daten von Patienten auf den Wartelisten gesammelt werden, mahnt Rahmel an. Für jede Situation sollten exakte Kriterien aufgestellt werden, die objektiv ermittelt werden können. Welchem Score letztlich Priorität eingeräumt werde, bleibe aber eine ethische Entscheidung, die gesamtgesellschaftlich zu beantworten sei, so der Transplantationsexperte abschließend.
Hinweis: Das 2. Wissenschaftliche Symposium der Bundesärztekammer zur Lage der Transplantationsmedizin in Deutschland fand Anfang dieses Jahres in Berlin statt.
Organtransplantation, Rationierung und Priorisierung
Dass im deutschen Gesundheitswesen rationiert wird, bestreiten deutsche Gesundheitspolitiker. Allgemein bedeutet Rationierung die Zuteilung nur beschränkt vorhandener Güter oder Dienstleistungen. Im Gesundheitswesen wird darunter das Vorenthalten medizinischer Leistungen, die einen Nutzen stiften, verstanden – sei es aus Kosten-, Personal- oder Überlastungsgründen. Doch unabhängig davon, wie man zum Thema Rationierung steht: Unstrittig ist, dass die Transplantationsmedizin einer der wenigen Bereiche des deutschen Versorgungssystems ist, in dem offen rationiert wird. Einer kleineren Anzahl von Spenderorganen steht eine wesentlich größere Anzahl potenzieller Empfänger gegenüber. Um die Verteilung der begrenzten Güter möglichst fair zu gestalten, orientiert man sich an zuvor festgelegten Kriterien, Experten sprechen von Priorisierung. Das heißt: Man erstellt eine am Versorgungsbedarf orientierte Rangfolge, aus der die Vorrangigkeit bestimmter Patientengruppen, Indikationen oder Verfahren hervorgehen kann. Im Fall der Organtransplantation sind Dringlichkeit und Erfolgsaussicht wichtige Priorisierungskriterien.