Berlin - Die Zahl der „Nationalen VersorgungsLeitlinien“ steigt beständig. Damit erhalten die Behandlungen von sehr häufigen Krankheiten wie Diabetes ihre „Blaupause“ nach aktuellem wissenschaftlichen Forschungsstand.
Die Vielzahl der medizinischen Leitlinien ist für den Patienten auf den ersten Blick verwirrend, denn primär sind diese systematischen Empfehlungen für Ärzte und Pflegekräfte konzipiert. Gängige Leitlinien werden krankheitsspezifisch von Experten oder Fachgesellschaften erarbeitet und in drei verschiedenen Qualitätsstufen publiziert. Der Qualitätsunterschied unter den Leitlinien besteht in dem Grad der systematischen Entwicklung, also ob und in welchem Maße verschiedenste Studien, Analysen und Expertenmeinungen eingeflossen sind. Seit 2002 existiert das Programm für Nationale VersorgungsLeitlinien (NVL), das am Ärztlichen Zentrum für Qualität (ÄZQ) in der Medizin angesiedelt ist, und an dessen Entwicklung die Bundesärztekammer (BÄK), die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) beteiligt sind. Die Nationalen VersorgungsLeitlinien wurden speziell für die strukturierte Versorgung häufiger „Volkskrankheiten“ entwickelt, worunter die so genannten Disease-Management-Programme und die Integrierte Versorgung fallen.
Bisher NVL für drei Krankheiten – Tendenz steigend
Nationale VersorgungsLeitlinien sind bisher in drei großen Krankheitsbereichen erschienen. Dazu zählen Asthma und COPD (chronisch obstruktive Lungenkrankheit), Diabetes Typ 2 und die koronare Herzkrankheit. In der rund 80 Seiten starken NVL für Asthma werden beispielsweise Definitionen und Formen des Asthmas vorgestellt und Diagnostik und Therapie ausführlich beschrieben. Verfahren, Methoden, Anwendungsbereiche, Nebenwirkungen, Besonderheiten für Kinder und Jugendliche – alle Details der optimalen Therapie sind hier erläutert. Zudem gibt die Leitlinie Informationen darüber, wie Qualitätsmanagement für Asthma funktioniert und wie die Versorgung zwischen Haus- und Facharzt beziehungsweise Krankenhaus koordiniert werden sollte. Die Autoren der Leitlinien erhoffen sich dadurch, dass akute und chronische Krankheitserscheinungen – beispielsweise Beklemmungsgefühle, Husten bis hin zu schwerer Atemnot – zurückgehen und krankheitsbedingte Beeinträchtigungen im Alltag minimiert werden. Zudem soll die Effizienz der Behandlung gesteigert und dadurch die Kosten im Gesundheitswesen gedämpft werden. Dazu könnten in Zukunft auch die NVLs für Depression, Kreuzschmerz und Herzinsuffizienz beitragen, für die Leitlinien dieses Standards in Arbeit sind.
Eine Leitlinie, viele Zusatzinformationen
Die Nationalen VersorgungsLeitlinien bilden den Kern des Wissensstandes für viele Volkskrankheiten. Zusätzlich existieren jedoch für jede beschriebene Krankheit Zusatzdokumente, die die Einbindung der NVLs in den Alltag in der Arztpraxis erleichtern. Dafür gibt es zum Beispiel Checklisten für Ärzte, die empfohlene Methoden Schritt für Schritt umsetzen wollen. Für Asthmapatienten wurde ein spezieller Kalender entwickelt, Diabetes-Betroffene können durch einen augenfachärztlichen Untersuchungsbogen sichergehen, dass Netzhautkomplikationen vermieden werden. Darüber hinaus haben die Leitlinien Relevanz für die Fortbildung der Mediziner, die für jede Krankheit im Internet eine Reihe von Dokumenten für ihre Weiterbildung finden. Nicht zuletzt sind auch eine ausführliche Dokumentation der Methodik, die zum Erstellen der Leitlinien angewandt wird, und ein Glossar mit allen benutzten Fachbegriffen verfügbar. Auf diese Weise wollen die Ersteller der NVLs sicher gehen, dass die Leitlinien transparent und für jeden verständlich präsentiert werden.
PatientenLeitlinien: Wissen verständlich formuliert
Für jede Nationale VersorgungsLeitlinie ist eine Version speziell für Patienten vorgesehen, die die fachlichen Informationen in verständlicher Sprache darstellt. Übersichtlich geordnet bieten diese Dokumente dem medizinischen Laien Aufschluss darüber, um welche Erkrankung es sich handelt, wie die Symptome und Krankheitsbilder aussehen und welche Untersuchungen notwendig sind. Darüber hinaus gibt die PatientenLeitlinie praktische Tipps, was man selbst für eine bessere Genesung tun kann, wo man Rat und Unterstützung findet und wer in eine Behandlung mit einbezogen sein sollte. Für Fachbegriffe gibt es ein krankheitsspezifisches Glossar. Diese Informationen für Patienten sind für dieselben Krankheiten vorgesehen, für welche Nationale VersorgungsLeitlinien existieren. Folge dessen sind einige PatientenLeitlinien noch in Arbeit, unter anderem für Kreuzschmerzen. Alternativen gibt es beispielsweise in den PatientenLeitlinien von evidence.de der Universität Witten/Herdecke. Auch diese Informationen sind von Ärzten und Fachleuten erstellt worden, decken aber ein deutlich breiteres Feld von zurzeit knapp 15 Krankheiten ab.
Die Internetseite des Programms für Nationale VersorgungsLeitlinien stellt alle Informationen rund um die NVLs zur Verfügung: die Leitlinien, alle Begleitdokumente, das Glossar, die Methodik und Angaben über Autoren. www.versorgungsleitlinien.de
Das Internetangebot des Wissensnetzes evidence.de der Universität Witten/Herdecke ist ein Zusatzangebot für Patienten, die dort allgemein verständliche Informationen zu vielen Krankheiten finden. www.patientenleitlinien.de