Patientenbrief

September 2009

PROJEKT
Wo drückt der Schuh im Gesundheitswesen?

Berlin - Ein Forschungsprojekt der Berliner Charité legt Ergebnisse vor, mit welchen Anliegen sich Patienten und Versicherte vorrangig an die Patientenbeauftragte der Bundesregierung wenden.

„Erste Ergebnisse zeigen“, so Prof. Adelheid Kuhlmey, Leiterin des Instituts für Medizinische Soziologie an der Charité, „dass die Patienten sich in unterschiedlichen Rollen an die Patientenbeauftragte wenden. Als Patienten berichten sie von ihren negativen Erfahrungen mit Ärzten, Pflegekräften oder Therapeuten.“ In der Rolle der Versicherten thematisierten sie in erster Linie Aspekte der Leistungsbewilligung. Als Bürger formulierten sie Fragen der Gerechtigkeit gesundheitspolitischer Rahmenbedingungen oder problematisierten, wie unübersichtlich die Strukturen des Gesundheitswesens seien.

Beschwerden überwiegen
Das Amt der Patientenbeauftragten wird dem Zwischenbericht zufolge überwiegend als Möglichkeit wahrgenommen, Kritik an der gesundheitlichen Versorgung oder dem Gesundheitswesen an politisch wichtiger Stelle äußern zu können. 84 Prozent der Schreiben haben eine Beschwerde, ein Hilfegesuch oder die Darstellung eines Problems zum Inhalt, lediglich 16 Prozent sind Informationsanfragen. Frauen und Männer wenden sich zu gleichen Teilen an die Amtsinhaberin. In 81 Prozent der Briefe schreiben die Autoren mit einem eigenen Anliegen und sind damit selbst Betroffene der berichteten Probleme. Der überwiegende Teil der Betroffenen (93 Prozent) ist gesetzlich, 5 Prozent sind privat versichert und 1,3 Prozent haben keinen Versicherungsschutz. Knapp die Hälfte der Schreiben kommt von Bürgern, die älter als 65 Jahre sind. Mit einem Drittel findet sich ein hoher Anteil chronisch Erkrankter unter den Betroffenen.

Dauerbrenner und Tagespolitik
Es zeigt sich, dass die Patientenbeauftragte „tagespolitische“ Themen und wahre „Dauerbrenner“ erreichen. Das GKV-Modernisierungsgesetz löste zum Beispiel eine Welle von Fragen und Kritik hinsichtlich der Eigenbeteiligung und Zuzahlungen aus, also Themen, die eine ökonomische Belastung von Patienten und Beitragszahlern beinhalten. So wurden im Jahre 2004 in 30 Prozent der Schreiben an Helga Kühn-Mengel die Einschränkung der Verordnungsfähigkeit von Arzneimitteln kritisiert. Bis zum Jahr 2007 hatte sich der Anteil der Briefe mit diesem Thema halbiert. Auch „Kritik an Zuzahlungen“, im Jahr 2004 in jedem fünften Brief genannt, findet sich 2007 nur noch in 6 Prozent der Briefe. Ein ähnlicher Trend lässt sich bei der „Praxisgebühr“ erkennen: Auch hier sinkt der Anteil der Nennungen in den Briefen von 15 Prozent in 2004 auf 4 Prozent im Jahr 2007. Ferner zeigt sich eine Verschiebung von der grundsätzlichen Kritik an der Einführung hin zu konkreten Problemen beim Erheben der Praxisgebühr.

Amtsinhaberin in unterschiedlichen Rollen
Dagegen nimmt das Thema „Probleme der Kommunikation zwischen Arzt und Patienten“ an Bedeutung zu. 2004 wurde es in 8 Prozent der Briefe genannt, 2007 in 14 Prozent. Probleme der Versicherten mit Krankenkassen zeigen im Zeitverlauf weniger Schwankungen. So wurden Zweifel an fachlichen Entscheidungen der Kassen in den vier Auswertungsjahren jeweils in etwa 12 Prozent der Schreiben vorgetragen. Angestiegen ist hingegen der Anteil der Kritik an der Dienstleistungsqualität von Krankenkassen von 7 auf 11 Prozent über den betrachteten Zeitraum. Diese beinhaltet beispielsweise unfreundlichen und bürokratischen Umgang oder eine lange Bearbeitungsdauer von Anliegen.

Das Amt der Patientenbeauftragten wird mit unterschiedlichen Rollen wahrgenommen, so eine weitere Aussage des Zwischenberichts: Bei Konflikten zwischen Versicherten und Krankenkassen sowie zwischen Patienten und Ärzten wird die Amtsinhaberin als neutrale dritte Partei verstanden; findet sich in den Briefen hingegen eine Kritik von Bürgern an der Gesundheitspolitik, wird sie häufig als politische Akteurin wahrgenommen.



Forschungsprojekt erfasst 20.000 Anfragen
Seit dem Januar 2004 gibt es in Deutschland das Amt der Beauftragten der Bundesregierung für die Belange der Patientinnen und Patienten. Briefe, E-Mails und Telefonate an die Amtsinhaberin Helga Kühn-Mengel wurden jetzt für den Zeitraum von Januar 2004 bis Dezember 2007 untersucht. In dem Forschungsprojekt, das vom Institut für Medizinische Soziologie der Charité – Universitätsmedizin Berlin durchgeführt und von der Hans-Böckler-Stiftung unterstützt wird, wurden knapp 20.000 Anfragen an die Patientenbeauftragte wissenschaftlich erfasst und ausgewertet. Der Endbericht soll im Dezember 2009 vorgelegt werden.

Der Zwischenbericht des Forschungsprojekts „Informationen für eine partizipative Gesundheitsversorgung“ (IPAGE) ist zu finden auf der Homepage der Hans-Böckler-Stiftung unter www.boeckler.de (PDF)

TOP