Patientenbrief

Oktober 2009

SELBSTHILFE
Dialog für mehr Patientenorientierung

Berlin - Wie kann Patientenorientierung im Gesundheitswesen gestärkt werden? Diese Frage stand im Zentrum einer Fachtagung der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Selbsthilfe Bayern und Vertretern der Ärzteschaft in München.

Seit langem ist es im deutschen Gesundheitswesen ein geflügeltes Wort, dass die Ärzte und Patienten in einen gleichberechtigten Dialog eintreten sollen. Auf Augenhöhe sollen sie sich begegnen und Diagnose als auch Therapie gemeinsam besprechen. Das Ziel ist ein mündiger Patient, der nicht den Anweisungen des Arztes unterliegt, sondern umsichtig und informiert an der Heilung mitwirkt. Wie jedoch ein solcher Zustand zu erreichen ist, was sich in den Praxen und in den Köpfen der Patienten und Ärzte ändern muss und welche konkreten Schritte unternommen werden müssten, bleibt häufig offen. Im Juli 2009 hat sich eine Fachtagung der LAG Selbsthilfe und der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) dieser Fragen angenommen. „Mit dieser Veranstaltung haben wir wichtige Impulse zur Stärkung der Patientenorientierung gegeben“, fasste der stellvertretende Vorsitzende der KVB, Rudi Bittner, die Workshops zusammen. Darin hatten Patienten, Vertreter der Selbsthilfe und Mediziner beispielsweise die Optimierung der Praxisabläufe oder ein Konflikt- und Beschwerdemanagement diskutiert.

Selbsthilfe macht die Patienten mündig
Rudi Bittner wies in seiner Eröffnungsansprache darauf hin, dass alle Beteiligten von dem Wissen und den Erfahrungen der anderen profitieren könnten. Ärzte und Psychotherapeuten lernen durch die Kooperation mit Selbsthilfegruppen mehr über die Bedürfnisse und Befindlichkeiten der Patienten. Diese könnten andersherum vom Fachwissen der Mediziner profitieren. „Dieser konstruktive Austausch muss gefördert werden“, so Bittner. „Dafür müssen wir alle Barrieren, die es noch immer durch Formalitäten und auch durch Vorurteile gibt, abbauen. Der Patient muss Partner des Arztes werden.“ Besonders hob Bittner die Rolle der Selbsthilfegruppen hervor. „Mit der verbandlich organisierten Selbsthilfe haben sich besonders chronisch Kranke und Menschen mit Behinderungen zu mündigen Patienten entwickelt“, erklärte auch Reinhard Kirchner von der LAG Selbsthilfe Bayern. „Deren Kompetenz muss in ein Konzept der Patientenorientierung eingebunden werden.“

Patienten wünschen mehr Zeit und weniger Regeln
Geht es nach den Patienten, würde sich einiges am Ablauf einer Behandlung ändern, so das Ergebnis der sechs Workshops auf der Veranstaltung. Sie würden gerne eine aktive Rolle in der Praxis einnehmen und mit Ärzten gemeinsam eine Entscheidung fällen, berichtete Dr. Peter Scholze, Vorstandsbeauftragter für Patientenorientierung der KVB, vom ersten Workshop „Optimierung der Praxisabläufe“. „Aber auch die Barrierefreiheit steht ganz oben auf dem Wunschzettel der Patienten.“ Zudem forderten Patientenvertreter, dass ihre Individualität in den Praxen stärker respektiert wird. Nicht zurecht finden sie sich ohne Hilfe im umfangreichen Regelwerk zu Arzneimittelverordnungen. Es bestünde erheblicher Informationsbedarf hinsichtlich Zuzahlungen, Ausschlüssen, Rabattverträgen und Substitutionen, so das Fazit eines weiteren Workshops. Aber auch die Ärzte hätten Bedarf an einem Informationsfilter, wie etwa durch Analysen des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen oder der Kassenärztlichen Vereinigungen.

Gemeinsame Entscheidung – mehr Beschwerdemöglichkeiten
Sind die Grundlagen der sachlichen und klaren Information erfüllt, steht der Kooperation bei der Entscheidungsfindung nichts im Wege. In dem Workshop gleichen Titels ließen sich aber auch hohe Anforderungen beider Parteien an diesen Prozess erkennen. Der Arzt müsse auf den Patienten zugehen und ihn zur Initiative ermutigen, fasste Prof. David Klemperer, Hochschule Regensburg, die Diskussion zusammen. Zugleich müsse er seine Informationen den Lebensumständen des Patienten anpassen. Auf den Patienten komme hingegen die Pflicht zu, sich sachlich und gründlich mit diesen Informationen auseinanderzusetzen. „Unter solchen Voraussetzungen werden vermutlich bessere Behandlungsergebnisse erzielt.“ Ist der Patient nicht mit der Therapie zufrieden, sollte er erweiterte Möglichkeiten der Beschwerde haben, sagte Sigurd Duschek, KV Bayern, Leiter des Workshops Konfliktmanagement. Ein offenes Gespräch solle zuerst Klärung bringen, danach müssten aber unabhängige Schlichtungsstellen bei Ärztekammer, Kassenärztlichen Vereinigungen oder Krankenkassen befugt sein, dem Patienten wirklich zu helfen. Auch die Funktion eines Ombudsmannes wurde erwogen. Bemängelt wurde, dass bisher keine gesetzlichen Grundlagen zu Patientenrechten geschaffen wurden.

Die Kassenärztliche Vereinigung fasst die Ziele und Ergebnisse der Fachtagung in einer Pressemitteilung kurz zusammen. www.kvb.de

Der Infodienst der Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe Bayern veröffentlicht einige Fotos und Statements zu der Tagung. www.lagh-bayern.de (PDF)

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