Berlin - Wartelisten und Nationaler Gesundheitsdienst – daran denken die meisten, wenn es um das Gesundheitssystem der Briten geht. Aber wie ist dort die Versorgung genau organisiert?
Herzstück des Systems ist der bereits seit 1948 existierende Nationale Gesundheitsdienst (National Health Service, NHS). Er verantwortet sowohl die ambulante als auch die stationäre Versorgung im Fall von Krankheit, Unfall und Pflegebedürftigkeit. Alle Einwohner des United Kingdom sind im NHS versichert. Konkret heißt das: Jeder hat das Recht auf einen freien Zugang zur medizinischen Versorgung des Dienstes, und zwar unabhängig seiner finanziellen Möglichkeiten. Wie auch in Deutschland werden die medizinischen Leistungen grundsätzlich nach dem Sachleistungsprinzip erbracht.
Die NHS-Leistungen werden jedoch an keiner Stelle explizit formuliert. So heißt es im entsprechenden Gesetz lediglich allgemein, dass Leistungen in dem Ausmaß zur Verfügung gestellt werden sollen, wie es erforderlich ist, um alle begründeten Anforderungen zu befriedigen. In Deutschland legt vergleichsweise das Sozialgesetzbuch (SGB) V fest, dass gesetzlich Versicherte Anspruch auf medizinisch notwendige Leistungen und Teilhabe am medizinischen Fortschritt haben – unter Berücksichtigung des Wirtschaftlichkeitsgebots.
Die Organisation des NHS
Der NHS verfügt über eine komplexe Organisationsstruktur. Für den Laien ist es angesichts zahlreicher Akteure schwer, den Überblick zu behalten – zumal erhebliche Unterschiede zwischen Schottland, Wales, Nordirland und England bestehen. In England müssen sich Gesundheitsminister und Gesundheitsministerium gegenüber dem Parlament für die Arbeit und die Mittelverwendung des NHS verantworten. Das NHS Executive wiederum unterrichtet das Ministerium über Entscheidungen innerhalb des NHS und ist gemeinsam mit den Regional Offices verantwortlich für Management und Mittelverteilung. In den Regionen vertreten die Regional Offices den Gesundheitsdienst.
Als Kernstück des NHS gelten die im Jahr 2000 gegründeten Primary Care Trusts. Sie organisieren die lokale Gesundheitsversorgung wie etwa die Betreuung durch Allgemeinärzte (General Practioner, GP) und erhalten dafür rund 75 Prozent des NHS-Budgets.
Das englische Hausarztmodell
Die ambulante Versorgung der Patienten übernehmen neben den praktischen Ärzten auch Krankenpfleger im sozialen Dienst, Hebammen sowie Gemeindeschwestern des jeweiligen Distriktes, wobei die Hausärzte der Dreh- und Angelpunkt des NHS sind. Das britische Hausarztmodell funktioniert wie folgt: Patienten müssen sich bei ihrem lokalen Hausarzt, der für sie bei Krankheit die erste Anlaufstelle ist, in ein Register eintragen. Der General Practioner überweist sie bei schwerwiegenden Krankheiten zum Facharzt oder in ein Krankenhaus (Secondary Care). Patienten haben somit keinen direkten Facharztzugang, sondern der praktische Arzt fungiert als „Gatekeeper“. Eine freie Arztwahl ist nur im Rahmen einer privaten Zusatzversicherung möglich. Anders in Deutschland: Dort ist der Allgemeinmediziner als erste Anlaufstelle nur verpflichtend für diejenigen Patienten, die sich bei ihrer Krankenkasse in ein Hausarztprogramm eingeschrieben haben. Ungewöhnlich sind aus deutscher Sicht auch der landesweite Telefondienst (NHS Direct) und auch die NHS Walk-In-Centers zur Versorgung kleinerer Verletzungen oder so genannter Bagatell-Erkrankungen. Diese werden von speziell ausgebildeten Pflegekräften geführt und sollen die hausärztlichen Praxen entlasten.
Wartezeiten im Krankenhaus
Während hierzulande die „doppelte Facharztschiene“, das heißt Fachärzte in der niedergelassenen Praxis und im Krankenhaus, existiert, findet in England die fachärztliche Versorgung fast ausschließlich in Kliniken statt. Hierbei ist zwischen den zahlreichen staatlichen und kommunalen Krankenhäusern sowie den privaten Kliniken zu unterscheiden. Letztere können allerdings nur Patienten behandeln, die über eine private Versicherung verfügen oder Selbstzahler sind. Alle anderen müssen mit den öffentlichen Häusern vorlieb nehmen und dabei auch Wartezeiten in Kauf nehmen. Allerdings hat sich bei diesem Thema in den letzten Jahren viel getan. Die Wartezeiten konnten mittlerweile auf unter sechs Monate gesenkt werden. Unter Regie von Tony Blair war festgeschrieben worden, dass alle Eingriffe innerhalb eines halben Jahres nach Diagnosestellung erfolgen müssen. Andernfalls haben Patienten die Möglichkeit, sich auf Kosten des NHS in einer Privatklinik oder im Ausland versorgen zu lassen. Mehr zum Thema Wartelisten im Beitrag Der NHS Plan 2000 und seine Folgen.
Wie wird das Gesundheitssystem bezahlt?
Das Gesundheitswesen finanziert sich überwiegend aus staatlichen Geldern, die sich wiederum aus der progressiven Einkommenssteuer, Value added Tax für bestimmte Dienstleistungen, Zuschüssen des National Instituts for Clinical Excellence (NICE) sowie Nationalversicherungsbeiträgen zusammen setzen. Letztere fließen nicht nur in die Gesundheitsversorgung, sondern auch in die Arbeitslosen- und Rentenversicherung. Hinweis: Da der Beitragssatz zur nationalen Sozialversicherung vom Staat festgelegt wird, werden die Sozialversicherungsbeiträge als Steuern betrachtet. Eine weitere Finanzierungsquelle des Gesundheitssystems, die allerdings nur rund vier Prozent ausmacht, sind die Patientenzuzahlungen. Patienten müssen vor allem Zuzahlungen für Arzneimittel, aber auch für Sehtests und zahnärztliche Behandlungen leisten.
Grundsätzlich baut das britische System der sozialen Sicherung auf drei Eckpfeilern auf: der allgemeinen Sozialversicherung (National Insurance, umfasst Renten-, Arbeitslosen- und Unfallversicherung, ebenso Kranken- und Mutterschaftsgeld), dem Sozialhilfegesetz (National Assistance Act, verschiedene Formen der Mindestabsicherung) sowie dem nationalen Gesundheitsdienst, NHS.
Weitere Informationen zum englischen Gesundheitswesen können unter anderem nachgelesen werden in:
Fritz Beske u.a.: Leistungskatalog des Gesundheitswesens im internationalen Vergleich – Eine Analyse von 14 Ländern. Band I: Struktur, Finanzierung und Gesundheitsleistungen. Kiel 2005. www.igsf.de
Auch die Bundeszentrale für politische Bildung hält eine ausführliche Übersicht zur Gesundheitspolitik Englands bereit: www.bpb.de