Patientenbrief

REFORM
Der NHS Plan 2000 und seine Folgen

Berlin - „Nach der Reform ist vor der Reform“. Diese Weisheit gilt nicht nur für das deutsche, sondern auch für das britische Gesundheitswesen. Ein kurzer Überblick.

Bereits seit Ende der 1980er Jahre befindet sich das britische System in einem ständigen Wandel. Eine von Margret Thatcher geplante und von ihrem Nachfolger John Major umgesetzte Reform etabliert beispielsweise Marktelemente im bis dahin staatlich organisierten nationalen Gesundheitsdienst (internal market).

Reformwelle der Labour-Regierung
Mit dem Regierungsantritt von New Labour kommt eine ganze Welle von Reformen auf das Gesundheitswesen zu. Anlässe bietet das Gesundheitssystem dafür reichlich, denn die Versorgungssituation ist 1997 unter anderem durch Betten- und Personalmangel sowie lange Wartezeiten gekennzeichnet. Die Blair-Regierung setzt vor allem auf die kooperative Zusammenarbeit der verschiedenen Berufsgruppen im nationalen Gesundheitsdienst. Health Authorities, trusts und andere Akteure sollen partnerschaftlich agieren und zusammen beispielsweise Programme zur Verbesserung der Gesundheit erarbeiten. Weitere Reformansätze sind: eine klare Trennung von ambulantem und stationärem Bereich, Verantwortlichkeit der Kommunen für die Bereitstellung von Gesundheitsleistungen sowie eine verbesserte Qualität der medizinischen Versorgung durch festgelegte Standards. Um soziale Ungleichheiten zu beseitigen sollen 26 Health Action Zones, in denen besonders benachteiligte Menschen leben, unter anderem finanziell unterstützt werden um langfristig deren Bindung zum NHS zu stärken sowie deren Gesundheitszustand zu verbessern.

Der 10-Jahres Plan für den NHS
Im Jahr 2000 legt die Blair-Regierung dann einen ehrgeizigen 10-Jahresplan vor, der einen grundlegenden Umbau des NHS vorsieht. Ein zentraler Aspekt der gesundheitspolitischen Labour-Strategie zielt darauf ab, der primären Gesundheitsversorgung (Primary Care) ein stärkeres Gewicht einzuräumen – bisher dominierten Krankenhäuser die NHS-Versorgung. Weitere Reformanstrengungen betreffen:

  • die Wartelisten: mehr Ärzte und Krankenpfleger im NHS sollen dazu beitragen, diese zu verkürzen, auch durch die Öffnung privater Krankenhäuser für NHS-Patienten soll die Wartezeit reduziert werden
  • als verbesserungswürdig werden auch die Qualität der gesundheitlichen Versorgung, der klinischen Ergebnisse und des Gesundheitszustandes der Bevölkerung angesehen
  • die gesundheitliche und soziale Versorgung älterer Menschen soll stärker aufeinander abgestimmt werden
  • mit Hilfe neuer Repräsentationsstrukturen und mehr Wahlfreiheiten soll die Regierung eine stärkere Patientenorientierung und mehr Patientenmitsprache im nationalen Gesundheitsdienst verankern.

Was wurde erreicht?
Soweit die ambitionierten Ziele, die bis zum Jahr 2010 erreicht werden sollen. Eine Bewertung ihrer Verwirklichung ist nicht immer einfach, mitunter existieren dazu sehr unterschiedliche Einschätzungen. Doch einige konkrete Ergebnisse lassen sich aufführen – vor allem hinsichtlich der Wartelisten: Die maximale Wartezeit für eine Behandlung in einem Krankenhaus wurde von über 18 Monaten (2000) auf unter 6 Monate (2005) gesenkt. Ebenfalls reduziert hat sich die Wartezeit für eine Behandlung in einer tages- oder poliklinischen Einrichtung von über 6 Monaten (2000) auf unter drei Monate (2005). Weitere Erfolgsmeldungen betreffen die Wartezeiten für einen Hausarzt (innerhalb zweier Werktage) oder eine Gemeindeschwester (innerhalb eines Werktages) sowie für Notfälle.

Fest steht außerdem, dass in der Regierungszeit von New Labour die Sterberaten für Krebserkrankungen und Herzkrankheiten sanken. Die Regierung bewertet dies als Erfolg ihrer Gesundheitspolitik, konkret der Förderung von Prävention, einer besseren Früherkennung dieser Krankheiten sowie dem schnelleren Zugang zu den Versorgungseinrichtungen. Kritiker sind dagegen nicht davon überzeugt, dass ein direkter Zusammenhang zwischen den gesunkenen Sterberaten und den Reforminitiativen besteht.

Bürger und Patienten in den Leitungsgremien
Im Zuge der Labour-Reformen haben sich auch die Legitimations- und Repräsentationsstrukturen des NHS verändert. Mittlerweile bestehen die Leitungsgremien der Primary Care Trusts sowohl aus geschäftsführenden Repräsentanten dieser Einrichtungen als auch nicht-geschäftsführenden Vertretern von Patienten und Bürgern der jeweiligen Region. Auch andere Trusts wie Foundation Trusts, Care Trusts weisen inzwischen eine solche gemischte Repräsentationsstruktur auf.



Was kostet die Reform?
Die chronische Unterfinanzierung des NHS und die Strukturreform konnten nur ermöglicht werden, indem die Regierung die öffentlichen Ausgaben für Gesundheit nachhaltig erhöhte. Die konkreten Zahlen: Das Budget für Gesundheitsausgaben stieg nominal von 56 Mrd. Pfund (ca. 92 Mrd. Euro) im Jahr 2001 auf 80,8 Mrd. Pfund (ca. 119 Mrd. Euro) im Jahr 2007. Versorgt werden damit rund 61 Millionen Einwohner. Das Budget ist in sechs Jahren um 28 Mrd. Pfund gestiegen, das entspricht einer jährlichen Wachstumsrate von über acht Prozent.

Interessante Informationen zu den Reformen des englischen Gesundheitswesens finden sich auf der Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung: www.bpb.de

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