Berlin - In England firmiert Patientenorientierung unter dem Schlagwort patient and public involvement und kann bereits auf eine längere Tradition zurückblicken.
Daran, dass es sinnvoll und notwendig ist, Patienten und Bürger in Entscheidungsprozesse des englischen Gesundheitswesens zu integrieren, herrschen in Großbritannien wenig Zweifel. So schreibt beispielsweise das Health Committee des Unterhauses in einem Bericht aus dem Jahr 2007: „Patientenbeteiligung hat das Potenzial, eine Schlüsselrolle im Hinblick auf die Verbesserung von Service und öffentlicher Wahrnehmung zu spielen – und zwar sowohl im Nationalen Gesundheitsdienst als auch bei den sozialen Pflegediensten.“ Mit dem Konsens ist es jedoch schnell vorbei, wenn es um das „Wie“ der Patientenbeteiligung, sprich die institutionelle Einbindung, geht.
Verwirrende Liste von Gremien
Lange Zeit repräsentierten die 1974 geschaffenen Health Councils die Interessen der Öffentlichkeit beim Nationalen Gesundheitsdienst (National Health Service, NHS). Nach fast 30 Jahren wurden sie Ende 2003 abgeschafft, die zahlreichen Gremien, die dann folgen, sind für Außenstehende mitunter schwer zu durchschauen:
Patientenbeteiligung beim NICE
Dabei scheint es auch positive Beispiele für Patientenbeteiligung im britischen Gesundheitswesen zu geben – wie etwa beim Nationalen Institut für Gesundheit und klinische Excellenz (National Institute for Health and Clinical Excellence, NICE). Das NICE analysiert unter anderem Medikamente und Gesundheitsleistungen für den NHS, es gilt als Vorbild für das deutsche Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Durch die aktive Mitarbeit von Patienten würden deren Bedürfnisse bei der Arbeit des NICE berücksichtigt, betont das Institut auf seiner Webseite. Patienten seien unter anderem an der Bewertung von Gesundheitstechnologien und medizinischen Interventionen beteiligt, aber auch an der Entwicklung medizinischer Leitlinien und Programmen zur öffentlichen Gesundheit. Ferner sind sie in Forschungs- und Entwicklungs- sowie Implementierungsprogramme integriert. Die konkrete Mitarbeit von Patienten kann dem NICE zufolge auf verschiedene Arten erfolgen: in Form von Konsultationen, der Mitarbeit in den Gremien des Instituts oder indem Patienten Informationen über die Einschätzungen und Erfahrungen von Betroffenen bereitstellen.
Anderer Blickwinkel durch Patienten
Beispielhaft sei an dieser Stelle auf die Leitlinienarbeit des NICE verwiesen. Auf einer Tagung des Nationalen Ethikrates im Jahr 2006 betont NICE-Chairman Sir Michael Rawlins, dass in den Entwicklungsgruppen stets zwei Patienten säßen. Für diese Aufgabe kann man sich im Rahmen der Stakeholder Registration anmelden. „Die zwei Patienten sind unserer Auffassung nach ... sehr wichtig, denn sie bringen einen anderen Blickwinkel hinein.“ Er verweist dabei auf die Schizophrenie-Leitlinie. Bei der Arbeit habe sich herausgestellt, dass die Psychiatrie stets gegen die hallozinatorischen Stimmen vorgehe. Die Patienten aber haben ein anderes Ziel, sie wollen einfach ein normales Leben führen. „Es ist wichtig, dass man den Patientenaspekt mit einbringt, wenn man solche Leitlinien ausarbeitet, und nicht nur von dem ausgeht, was solche Leute wie ich für angemessen halten“, so Rawlins.
Großbritanniens Patientencharta
Die britische Patientencharta, entwickelt im Jahr 1991, ist eine Sammlung von Rechten, Garantien und Standards. Wichtig zu wissen: Die darin definierten Standards oder Normen sind nicht als einklagbare Rechte zu verstehen. Es handelt sich vielmehr um Zielvorgaben für den Nationalen Gesundheitsdienst. Patienten können die Rechte nur dann einklagen, wenn sie schon zuvor gesetzlich geregelt waren und ein subjektives Recht für sie vorgaben. Als Beispiel hierfür nennt Heinrich Hanika in einem Aufsatz zum Thema Patientencharta das Recht auf die Einsichtnahme in die Krankenakte (Quelle: Medizinrecht 1999, Heft 4).
Einen Überblick über die patient and public involvement policy des NICE gibt es auf folgender Internetseite: www.nice.org.uk
Mehr zur Rolle und den Aufgaben der Local Involvement Networks (LINks) ist auf der Seite des Department oft Health nachzulesen: www.dh.gov.uk
Auf der Homepage der Ärzteorganisation British Medical Association können Selbsthilfegruppen, nationale sowie internationale Patientenorganisationen recheriert werden. Dort gibt es auch weitere interessante Links, etwa zu dem Expert Patients Programm und einer Datenbank, die individuelle Patientenerfahrungen systematisch sammelt (Database of Individual Patient Experiences, DIPEx). www.bma.org.uk