Berlin/Düsseldorf - Wie kann Selbsthilfefreundlichkeit als Qualitätsmerkmal im Gesundheitswesen verankert werden? Darüber wurde kürzlich auf dem BKK Selbsthilfetag diskutiert.
Im Mittelpunkt der Veranstaltung steht das im vergangenen Jahr gestartete Projekt Selbsthilfefreundliches Krankenhaus Nordrhein-Westfalen. Dessen Ziel ist es, „eine systematische und nachhaltige Zusammenarbeit zwischen Krankenhäusern bzw. ihren Fachabteilungen und Selbsthilfegruppen vor Ort zu verankern“, sagt Christa Steinhoff-Kemper von der Agentur Selbsthilfefreundlichkeit West, die mit der praktischen Umsetzung des Projekts betraut ist. Träger ist die GSP – gemeinnützige Gesellschaft für soziale Projekte des Paritätischen NRW, die Finanzierung übernimmt der BKK Bundesverband GbR und der Landesverband NRW.
Idee eines eigenen Qualitätssiegels verworfen
Christa Steinhoff-Kemper kann bei dem Projekt auf Erfahrungen in Hamburg zurückgreifen, wo bereits vor einigen Jahren ein „Qualitätssiegel Selbsthilfefreundliches Krankenhaus“ entwickelt wurde (der Patientenbrief berichtete). Die acht Qualitätskriterien für Selbsthilfefreundlichkeit wurden übernommen, aber es gibt auch einige Unterschiede. Man hat aus den Erfahrungen der Hamburger gelernt. So setzt die Agentur in NRW nicht mehr auf ein eigenes Qualitätssiegel. Das hat Steinhoff-Kemper zufolge mehrere Gründe. „Zum einen verlangt ein Siegel einen eigenen Apparat, der es schützt und überprüft, ob es eine Institution noch zu Recht tragen darf.“ Zum anderen gebe es im deutschen Gesundheitswesen mittlerweile eine gewisse Siegelmüdigkeit. Steinhoff-Kemper: „Wir wollen nicht das achte Siegel an der Kliniktür sein.“ Die Agentur versucht daher, die Qualitätsmerkmale für Selbsthilfefreundlichkeit in bestehende Zertifizierungssysteme – beispielsweise KTQ, ISO, DIN-EN-ISO – zu integrieren.
Sichtbare Zusammenarbeit zwischen Selbsthilfe und Kliniken
Bei den Kliniken kommt dieser Ansatz gut an. „Wir rennen inzwischen offene Türen ein“, so Projektleiterin Steinhoff-Kemper. Die Kliniken wollten die Zusammenarbeit mit Selbsthilfegruppen sichtbarer und verbindlicher gestalten, hat sie beobachtet. Die Zusammenarbeit beginnt mit einer Bestandsaufnahme, mit welchen Selbsthilfegruppen und -organisationen das Krankenhaus kooperiert. Häufig wird dabei zum ersten Mal sichtbar, dass die Häuser bereits mit einer ansehnlichen Anzahl zusammenarbeiten – nur leider wissen nicht alle Mitarbeiter davon. Die Folge: Ärzte oder Pfleger machen Patienten nicht auf die Gruppen aufmerksam, obwohl sich diese sogar im Krankenhaus regelmäßig treffen.
Qualitätskriterien jetzt auch für Praxen
16 Kliniken arbeiten mittlerweile in Nordrhein-Westfalen daran, bei sich die Selbsthilfefreundlichkeit als Qualitätskriterium zu etablieren – von Unikliniken, Klinikverbünden bis hin zu einzelnen Häusern. Eine Bilanz, die sich sehen lassen kann. Davon ist man im niedergelassenen Bereich noch weit entfernt. Dort hat die Agentur in diesem Jahr mit der Aufbauarbeit begonnen: Sechs Qualitätsmerkmale hat sie in Zusammenarbeit mit Vertretern von Selbsthilfegruppen und Kassenärztlicher Vereinigung entwickelt. Im Moment werden diese auf ihre Praxistauglichkeit überprüft. Laut Steinhoff-Kemper will man künftig vor allem Praxisnetze, aber auch Qualitätszirkel ansprechen. Doch damit nicht genug: Im kommenden Jahr sollen auch in anderen Bundesländern Agenturen nach nordrhein-westfälischem Vorbild gegründet werden, um das Qualitätskriterium Selbsthilfefreundlichkeit auch außerhalb von NRW und Hamburg zu etablieren. Ein neuer Weg, die Zusammenarbeit von Selbsthilfegruppen und gesundheitlicher Versorgung zu gestalten, scheint sich zu etablieren.
Mehr zu dem Projekt unter www.sozialeprojekte.de