Patientenbrief

November 2009

PATIENTEN-COACHING
Transparenz ist wichtig für Betroffene

Berlin - Gezieltes Patienten-Coaching wird oft gefordert, aber gibt es dafür hierzulande die richtigen Voraussetzungen? Auf einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für bürgerorientierte Gesundheitsversorgung (DGbG) stellt Dr. Klaus Meyer-Lutterloh klar: „Coaching erfordert ein neues, von Kooperation geprägtes Verständnis der Gesundheitsberufe.“

Der DGbG-Vizepräsident sieht die Notwendigkeit von Coaching-Konzepten vor allem angesichts der enormen Folgekosten, die mangelnde Therapietreue (Compliance) verursache. Meyer-Lutterloh beziffert diese Kosten auf mehrere Milliarden Euro jährlich.

Mühlhauser: Mangelnde Therapietreue bei Patienten und Ärzten
Aufschlussreiche Zahlen nennt in diesem Zusammenhang auch Prof. Ingrid Mühlhauser von der Universität Hamburg. Studien zufolge nehmen 50 Prozent der Bluthochdruckpatienten nach einem Jahr ihr Medikament nicht mehr ein. Aber auch Ärzten attestiert Mühlhauser mangelnde „Therapietreue“. Die Wissenschaftlerin verweist auf eine Untersuchung, derzufolge nur 34 Prozent der Mediziner ihre Patienten darüber aufklären, wie lange und nur 55 Prozent, wie viel und wann das Arzneimittel eingenommen werden muss.
Grundsätzlich setzt sich Mühlhauser für ein wohldosiertes Coaching ein – nämlich nur dann, wenn der Nutzen der Intervention auch zweifelsfrei wissenschaftlich belegt sei. Sie illustriert das am Beispiel Übergewicht. Eine aktuelle Studie, an der Mühlhauser selbst mitgewirkt hat, ergab, dass Übergewicht zwar für einige Krankheiten ein erhöhtes, für andere allerdings ein vermindertes oder unverändertes Risiko beinhalte. Die Gesamtmortalität bleibe unverändert. „Wir sollten daher damit aufhören, die armen Menschen zu stigmatisieren und unter Druck zu setzen, abzunehmen“, sagt die Professorin.

Loskill: „Blinder Aktionismus hilft nicht weiter”
Die Sicht der Betroffenen stellt auf der Fachtagung Hannelore Loskill, stellvertretende Bundesvorsitzende der BAG Selbsthilfe, dar. Bei Coaching-Angeboten für Patienten müsse klar sein, wer der Anbieter sei. Sie habe nichts gegen einen solchen Service – ob von Krankenkasse oder Industrie – so lange es offen und transparent zugehe, so Loskill. Grundsätzlich müssten alle Maßnahmen zur Betreuung und Information von Patienten sich daran messen lassen, ob sie tatsächlich zu einer besseren Versorgung chronisch oder akut Erkrankter beitrügen. Blinder Aktionismus helfe nicht weiter. Die Patientenvertreterin spricht sich ferner dafür aus, dass Coaching-Konzepte von möglichst vielen Akteuren des Gesundheitswesens gemeinsam entwickelt werden sollten, damit alle Versorgungsaspekte berücksichtigt werden könnten. „Aber wie bekommen wir die alle an einen Tisch, hat der eine vielleicht Angst vor der Kompetenz des anderen?“, fragt Loskill.



Was sind Health Managing Services (HMS)?
Unter dem Begriff versteht man nach Meyer-Lutterloh ein Behandlungsmanagement, das – abgestimmt auf den Patienten – den Behandlungsprozess flankieren und das Selbsthilfe-Potenzial aktivieren oder stärken soll. Instrumente des HMS können beispielsweise Patienten-Coaching, Gesundheits-Coaching oder auch Case-Management sein. Das Coaching unterstützt den Patienten und sieht ihn in einer aktiven Rolle, während es beim Case-Management eher darum geht, ihn zu leiten und das Schnittstellen-Management zu organisieren, etwa bei Krankenhausüberweisungen.

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