Patientenbrief

November 2009

KONGRESS
Angehörige können chronische Schmerzen lindern

Berlin - Um ein vernachlässigtes Thema ging es beim Deutschen Schmerzkongress: der Einfluss von Angehörigen auf das Schmerzverhalten. Studien zufolge hilft soziale Unterstützung im Kampf gegen den Schmerz, übermäßige Besorgnis oder auch Bestrafung verschlimmern dagegen die Situation des Patienten.

„Die Rolle des Partners ist lange vernachlässigt worden“, sagt PD Dr. Rainer Sabatowski vom UniversitätsSchmerz-Centrum Dresden auf der Veranstaltung. Dabei gab es bis in die Mitte der 1990er Jahre auch im deutschen Sprachraum ansatzweise eine Diskussionen zu diesem Thema. Darauf weist seine Kollegin Dr. Ulrike Kaiser hin. Allerdings sei die Forschungsdiskussion in Deutschland eingeschlafen, der Angehörige aus dem Blickfeld geraten. Zwar existiere vor allem in den USA eine breitere Forschung dazu, so Kaiser, gemessen an anderen Untersuchungen im Schmerzbereich erscheine aber auch dort die Menge an Beiträgen eher gering.

Starker Einfluss der Angehörigen
Fest steht jedoch: Der Einfluss von Angehörigen auf das Schmerzverhalten ist erwiesen. Familiäre Normen prägen den Umgang mit einer Krankheit. In der Familie entstehen Gewohnheiten, die Gesundheit fördern oder aber behindern können. „Angehörige haben mit dem Patienten deutlich mehr zu tun als Ärzte und Therapeuten, weshalb ihr Einfluss auf das Bestehen des Schmerzes in der Regel stärker ist und oft trotz kurzfristiger Erfolge einer stationären oder teilstationären Therapie zur Rückkehr zum Ausgangszustand beiträgt“, so Sabatowski auf dem Kongress in Berlin.

Familienunterstützung ist wichtig
In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass die Behandlung von Patienten in interdisziplinären Zentren erfolgreicher ist, je mehr sie von ihren Familien unterstützt wurden. Im Beisein besonders fürsorglicher Angehöriger zeigten sich die Schmerzpatienten jedoch häufig klagsamer und hatten stärkere funktionale Einschränkungen als ohne ihre Partner. „Besorgte, stark fürsorglich und ausschließlich physisch unterstützende Partner verstärken Schmerzverhaltensweisen in ungünstiger Weise und können Patienten vom Aufbau günstiger Verhaltensweisen abhalten“, so das Fazit von Dr. Kati Thieme, Referentin auf dem Schmerzkongress. In der Therapie chronischer Schmerzen wird diesem Sachverhalt allerdings bisher wenig Beachtung geschenkt. Im deutschen Sprachraum existierten nur wenige Fragebögen zur Erhebung dieses Aspektes, zudem seien sie nur wenig untersucht bzw. würden im Alltag nur selten eingesetzt.



Wie lässt sich das Partnerverhalten untersuchen?
Es gibt nach Aussage von Ulrike Kaiser, UniversitätsSchmerz-Centrum Dresden, zwei deutsche Fragebögen zur Analyse des Partnerverhaltens: einen 1996 von Dr. Ute Leidig entwickelten und einen von Prof. Birgit Kröner-Herwig. Außerdem existiere die Übersetzung des West Haven-Yale Multidimensional Pain Inventory (WHYMPI) von Kerns, Turk und Rudy aus dem Jahr 1985. Die Mediziner des Dresdener Zentrums haben zudem den Spouse Response Inventory (SRI) übersetzt. Er ist nach ihrer Einschätzung wichtig, weil er zwei Skalen integriert: Diese messen sowohl die Reaktion des Partners auf das Schmerz- als auch auf das Aktivitätsverhalten des Patienten. Kaiser definiert Schmerzverhalten als „Verhalten, das in irgendeiner Weise das Schmerzerleben oder das damit einhergehende Leiden nach außen kommuniziert“. Unter Aktivitätsverhalten versteht sie „Verhalten, das mit der Krankenrolle durch den Schmerz inkompatibel ist“. Bleibt abzuwarten, ob der von den Dresdener Ärzten übersetzte Fragebogen Eingang in die Versorgung von Schmerzpatienten findet.

Mehr Informationen über das UniversitätsSchmerz-Centrum Dresden gibt es im Internet: www.neuro.med.tu-dresden.de

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