Patientenbrief

ORIENTIERUNG
Selbsthilfe – vielfältig und unverzichtbar

Berlin - Die Selbsthilfe ist in Deutschland mittlerweile als wichtige Säule der gesundheitlichen Versorgung akzeptiert. Ein Überblick über diese differenzierte Szene.

Betrachtet man die Selbsthilfe systematisch, so stellt man fest, dass vertikale (Organisationen und Verbände) und horizontale Organisationsformen (kleine Selbsthilfegruppen, Selbsthilfekontaktstellen, Netzwerke) sich ergänzen, nebeneinander bestehen oder ineinander übergehen. Grundsätzlich wird zwischen Selbsthilfegruppen, -organisationen und -kontaktstellen unterschieden.

Selbsthilfegruppen: gemeinsame Suche nach Unterstützung
Experten schätzen, dass es hierzulande bis zu 100.000 Gruppen mit rund drei Millionen Mitgliedern gibt. Sie alle leisten einen wichtigen Beitrag zur Problemverarbeitung und Aufgabenbewältigung von Menschen mit chronischer Erkrankung, aber auch von Personen mit psychosozialen, sozialen oder soziokulturellen Problemen. Selbsthilfe in Gruppen ist selbst bestimmte gemeinsame Hilfe zur Selbsthilfe sowie kritische Auseinandersetzung mit Mängeln, Defiziten und Lücken in der sozialen und gesundheitlichen Versorgung. Ein großer Teil der Gruppen auf örtlicher Ebene ist nicht als Verein organisiert oder einer größeren Organisation angeschlossen. Man schätzt den Anteil solch gering organisierter Gruppen auf bis zu 50.000.

Organisationen: überregionale Interessenvertretung
Selbsthilfeorganisationen sind Organisationen mit überregionaler Interessenvertretung, meist mit größeren Mitgliederzahlen, formalisierten Arbeits- und Verwaltungsabläufen, bestimmten Rechtsformen und meist ausgeprägten Kontakten zu professionellen Systemen. Sie können als Zusammenschluss von Selbsthilfegruppen entstehen und bieten auch Nicht-Mitgliedern Beratungs- und Informationsleistungen. Selbsthilfeorganisationen werden in der Regel durch Betroffene geleitet und vertreten die Interessen ihrer angeschlossenen Selbsthilfegruppen. Zum großen Teil sind Selbsthilfeorganisationen indikations-, bzw. diagnosebezogen, vereinzelt aber auch (insbesondere bei seltenen Erkrankungen) krankheitsübergreifend strukturiert.

Was leisten die Kontaktstellen?
Im Unterschied zu den Gruppen und Organisationen sind Selbsthilfekontaktstellen und -unterstützungseinrichtungen eigenständige professionelle Facheinrichtungen, die ressort-, problem- und trägerübergreifend arbeiten und einen niedrigschwelligen Zugang zu Selbsthilfegruppen bieten. Sie unterstützen Selbsthilfegruppen beispielsweise durch die Bereitstellung von Räumen, beim Aufbau einer Gruppe, bei der Vermittlung von Interessierten oder bei der Kontaktvermittlung zu Fachleuten. Ende 2007 gab es in der Bundesrepublik Deutschland 273 Selbsthilfekontaktstellen und -unterstützungseinrichtungen, die zusätzlich 46 Außen- oder Zweigstellen unterhielten. Die NAKOS übernimmt die bundesweiten Service- und Koordinationsdienstleistungen.

Verlässliche Förderung wichtig
Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass die gesundheitsbezogene Selbsthilfe heute einen festen Platz im deutschen Gesundheitssystem einnimmt. Und deshalb muss sie auch auf eine verlässliche Förderung vertrauen können. Dabei lässt sich zwischen finanzieller, infastruktureller sowie indirekter (ideeller) Förderung unterscheiden. Letztere zielt auf die Schaffung eines selbsthilfefreundlichen Klimas in der Gesellschaft. Unter der infrastrukturellen Unterstützung versteht man zum einen die Bereitstellung von Räumlichkeiten etc., aber auch die Einrichtung und Unterhaltung von Selbsthilfekontaktstellen. Finanzielle Förderung ist die Übernahme von Kosten für Informationsmaterialien, Öffentlichkeitsarbeit, etc. von Patientenverbänden. Als Geldgeber sind zu nennen: die öffentliche Hand – also Bund, Länder und Kommunen –, Sozialversicherungsträger (Gesetzliche Krankenversicherung, Rentenversicherungsträger, Bundesagentur für Arbeit) sowie private Geldgeber (Sponsoren, Spenden und Stiftungen).

Experten fürchten Einengung der Selbsthilfe
Im Vergleich zu den Vorjahren liegt die Förderung für alle Bereiche der Selbsthilfe durch die öffentliche Hand im Jahr 2007 auf dem niedrigsten Niveau; seit 1995 ist diese Förderung um 30 Prozent gesunken. Die verstärkte Finanzierung durch die Krankenkassen bei gleichzeitiger Förderreduktion durch Bund, Länder und Kommunen wird auch kritisch reflektiert – auch wenn die deutliche Finanzzuständigkeit der Krankenkassen zu begrüßen sei. Raimund Geene u.a. weisen in einem Beitrag (Quellenangabe am Ende des Artikels) auf diese Problematik der so genannten Verschiebebahnhöfe vom staatlichen in den parastaatlichen Bereich der Sozialversicherung hin.

Quellen:
Die Publikation „Entwicklung, Situation und Perspektiven der Selbsthilfeunterstützung in Deutschland“ von Raimund Geene u.a., erschienen im Bundesgesundheitsblatt, ist vollständig nachzulesen unter: www.nakos.de (PDF)

Borgetto, B. (2004): Selbsthilfe und Gesundheit.

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