Patientenbrief

VERSORGUNG
Leitlinien werden angepasst

Berlin - Diagnostik und Therapie von Tumorerkrankungen unterliegen derzeit einem schnellen Wandel. Das betrifft insbesondere die Einführung neuer Techniken und Medikamente. Aber auch die Integration der psychoonkologischen Betreuung gewinnt an Bedeutung.

Was versteht man unter Psychoonkologie?
Oberstes Ziel der Psychoonkologie ist es, psychische Belastungen oder manifeste Störungen, die mit der ersten Diagnose Krebs beim Patienten einsetzen können, aufzufangen. Das Versprechen Leben zu verlängern, kann und sollte die Psychoonkologie nicht geben. Wenn es gelingt die Bedeutung der Psychoonkologie in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken, könnte die Lebensqualität vieler Krebspatienten deutlich verbessert werden.
Laut Frau Brigitte Overbeck-Schulte hat „Psychoonkologie nicht nur etwas mit der Patientenzufriedenheit zu tun. Sie will den Patienten auch in die Lage versetzen seinen Alltag zu gestalten, die Probleme, die durch die Therapien und durch die Krankheitssituation entstehen, zu meistern“. Um die Versorgung von Krebspatienten in gleich hoher Qualität zu ermöglichen, hat die Deutsche Krebsgesellschaft die Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Psychoonkologie beauftragt, diagnoseübergreifende Leitlinien psychoonkologischer Beratung und Behandlung erwachsener Krebspatienten zu erstellen. Diese wurden in „Kurzgefasste interdisziplinäre Leitlinien 2008“ veröffentlicht.

Individueller Bedarf des Patienten entscheidend
Psychoonkologische Maßnahmen sind in das Gesamtkonzept der onkologischen Therapie zu integrieren, lautet ein Statement aus der Leitlinie, die eine Behandlungs- und Orientierungshilfe für die Ärzte darstellt. Alle Patienten sollen von ärztlicher Seite frühzeitig über Möglichkeiten psychoonkologischer Hilfestellungen informiert werden. Der individuelle Bedarf soll mittels valider Messinstrumente festgestellt werden. Als Interventionen, die frühestmöglich angeboten werden sollen, kommen laut Leitlinie unter anderem Einzelgespräche, Patientenschulungen, künstlerische Therapieverfahren, Entspannungsverfahren sowie Paar- und Familiengespräche in Frage. Außerdem empfiehlt die Leitlinie, die Patienten für die Zeit nach der stationären Behandlung über weiterführende ambulante und nachsorgende Angebote wie Selbsthilfegruppen und Krebsberatungsstellen in Kenntnis zu setzen. Verbesserungsbedarf hinsichtlich Patientenkommunikation und psychosozialer Betreuung konstatierte das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) im Disease Management Programm (DMP) Brustkrebs und riet, das Programm an einigen Stellen zu überarbeiten. Es wird derzeit aktualisiert.

Spitzenzentren müssen am Ball bleiben
Dass es ernsthafte Bemühungen gibt, auf dem Gebiet der Psychoonkologie einen deutlichen Schritt nach vorne zu machen, zeigt auch das Förderprogramm der Deutschen Krebshilfe. Anfang April wurden die Namen weiterer Spitzenzentren bekannt gegeben, welche von der Krebshilfe gefördert werden. Ausgewählt wurden nach internationaler Begutachtung aus 18 Bewerbern die Universitätskliniken Berlin, Erlangen, Essen, Frankfurt, Hamburg und Ulm. Prof. Dr. Otmar Wiestler geht auf einer Pressekonferenz auf die Kriterien ein, welche die Zentren erfüllen müssen. Der Vorsitzende des Beirats der Deutschen Krebshilfe nennt – neben einer fachübergreifenden Onkologie für alle Tumorerkrankungen mit zentraler Anlaufstelle für Krebs-Patienten oder der Einrichtung von interdisziplinären Konferenzen – als gleichberechtigte Anforderung: „Die Bewerber mussten ein Konzept für die psychoonkologische und palliative Betreuung vorlegen.“ Hinsichtlich des Spektrums der Anforderungen räumt Wiestler ein: „Wir fordern in der Tat ein Idealbild, das derzeit kein Zentrum erfüllt.“ Das wäre laut Wiestler auch unrealistisch. „Aber es muss eine gewisse Basis in allen Punkten, die uns wichtig sind, vorhanden sein. Bei einer Wiederbegutachtung erwarten wir echte Fortschritte.“ Die Krebshilfe sieht vor, die Ausgewählten regelmäßig zu prüfen – wiederum durch eine internationale Expertenkommission. Bereits 2010 stehen die ersten Zentren zur Evaluierung an. Dann wird auch geprüft, was sich hinsichtlich der Psychoonkologie getan hat.



Wie steht es um die Finanzierung?

Die Psychoonkologie bezieht sich auf die Patientenversorgung in ganz unterschiedlichen Bereichen: Prävention, Akutbehandlung, stationäre Rehabilitation und ambulante Nachbetreuung. Nach Ansicht von Experten des Deutschen Krebsforschungszentrums haben psychoonkologische Erkenntnisse noch keinen ausreichenden Zugang in die Regelversorgung gefunden; Patienten müssen sich zu oft selbst um Angebote bemühen oder diese aktiv einfordern. Im Versorgungsalltag kompliziert gestaltet sich auch die Finanzierung solcher Leistungen, nicht zuletzt wegen des interdisziplinären Ansatzes und der Abbildung in Honorarsystemen. Andrea Schumacher von der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Psychosoziale Onkologie (dapo) stellt beispielsweise auf einer Wissenschaftlichen Tagung fest, dass das vor einigen Jahren eingeführte Fallpauschalen(DRG)-System nicht geeignet ist, die psychoonkologische Betreuung im Akutkrankenhaus ausreichend zu finanzieren. In der ambulanten Regelversorgung ist, laut Aussage des GKV-Spitzenverbandes der Krankenkassen Psychoonkologie, als eigenständige Leistungsbeschreibung – vor allem bei Weiterbildungsangeboten – bei Ärzten verbreitet, hat aber keine eigene Abrechnungsziffer. Ausnahmen könne es geben, zum Beispiel beim DMP Brustkrebs, in dem von psychoonkologischen Leistungen gesprochen werde. Dies alles deutet schon auf die Probleme hin, mit denen sich die Betroffenen zusätzlich zu ihrer Erkrankung auseinandersetzen müssen. Nach Einschätzung von Prof. Dr. Joachim Weis, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft für Psychoonkologie in der Deutschen Krebsgesellschaft, muss die Frage der Finanzierung dieser Leistungen in verschiedenen Gremien wie im Gemeinsamen Bundesausschuss noch stärker thematisiert werden.

Die kurzgefassten interdisziplinären Leitlinien 2008 sind im Internet zu finden unter www.krebsgesellschaft.de

Ein Vortragsmanuskript zum Thema Finanzierung der Psycho-Onkologie von der 7. Wissenschaftlichen Tagung der Arbeitsgemeinschaft für Psycho-Onkologie in der Deutschen Krebsgesellschaft (PSO) ist nachzulesen unter www.dapo-ev.de (PDF)

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