Patientenbrief

Mai 2009

GESUNDHEITSPREIS
Arzt und Patient in gemeinsamer Verantwortung

Berlin - „Adherence“ – der Begriff ist noch relativ unbekannt, aber seine Bedeutung rückt zunehmend in den Fokus einer partnerschaftlichen Beziehung zwischen Arzt und Patient. Die Gewinner des Berliner Gesundheitspreises zu diesem Thema wurden kürzlich ausgezeichnet.

Gesagt ist nicht getan
Denn oft wird eine über den Kopf des Patienten hinweg gegebene Therapieempfehlung nicht durchgehalten. Die Folge sind: Therapieabbrüche, gescheiterte Lebensstiländerungen und weggeworfene Arzneimittel im Wert von bis zu 20 Milliarden Euro. Damit sich das ändert, müssen Arzt und Patient zusammen über die Behandlung entscheiden und Verantwortung für den Behandlungsverlauf übernehmen. Die Gewinner des Berliner Gesundheitspreises eint, dass sie Lösungen entwickelt haben, um Patienten aktiv an Therapieentscheidungen zu beteiligen und ihre Eigenverantwortung zu stärken. Prof. Dr. Nobert Schmacke, Universität Bremen, umreißt während der Preisverleihung das Konzept von Adherence: den Patienten angemessen informieren, seine Perspektive in Erfahrung bringen und berücksichtigen, Behandlungsziele immer wieder ausloten und Entscheidungen des Patienten akzeptieren. Schmacke sagt aber auch, was nicht gemeint ist: „eine besonders raffinierte Form des Überredens“.

Behandlungsstrategie mit dem Patienten wählen
Der 1. Platz des Berliner Gesundheitspreises ging an die Arbeitsgruppe Arriba der Philips-Universität Marburg. Die Computersoftware Arriba verbessert die Kommunikation zwischen Arzt und Patient, indem sie beispielsweise die Risiken eines Herzinfarkts oder die positive Wirkung einer Ernährungsumstellung berechnet. Das Ergebnis stellt sie mit Hilfe von grafischen Elementen wie Smileys für den medizinischen Laien anschaulich dar. So hilft das Programm dem Patienten, sein Gesundheitsrisiko zu bestimmen und eine Behandlungsstrategie zu wählen, die seinen Lebensumständen und seinem individuellen Gesundheitsbedürfnis am besten entspricht. Ergänzt wird dieses Instrument der Patientenberatung durch Hinweise zur Gesprächsführung für den Arzt. Arriba wurde 2001 von den Abteilungen Allgemeinmedizin der Universitäten Marburg sowie Düsseldorf entwickelt.

Mehr über Krankheit und Behandlung erfahren
Den zweiten Platz gewann das gemeinschaftliche Projekt der Klinik für Psychiatrie und Psychologie in Bethel/Bielefeld und der LWL Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie in Lippstadt und Warstein für die psychotherapeutische Kurzintervention durch Pflegende in der stationären und ambulanten Psychiatrie. 2003 wurde dort eine Adherence-Therapie eingeführt, an der bislang 120 Schizophrenie-Patienten teilnahmen. Das Programm besteht aus etwa acht Einzelgesprächen während des Klinikaufenthalts sowie drei Hausbesuchen danach. Es wird von speziell geschulten Krankenschwestern und Pflegern durchgeführt. Außerdem wurden innerhalb des Wettbewerbes Ehren- und Anerkennungspreise verliehen. Initiatoren des Gesundheitspreises, der in diesem Jahr zum siebten Mal verliehen wurde, sind der AOK-Bundesverband, die Ärztekammer Berlin und die AOK Berlin. Der Preis ist insgesamt mit 50.000 Euro dotiert. Die Gewinner wurden aus insgesamt 68 Einsendungen von einer elfköpfigen Jury aus Politik, Wissenschaft und Praxis ausgewählt.



Adherence und Compliance
Adherence oder Adhärenz bezeichnet das Ausmaß, in dem das Verhalten eines Patienten mit den Behandlungszielen und -wegen übereinstimmt, die er zuvor mit dem Arzt gemeinsam beschlossen hat. Der Begriff trägt dem veränderten Rollenverständnis zwischen Arzt und Patient Rechnung, indem er eine partnerschaftliche Verständigung über Art und Umfang der Therapie voraussetzt. Den Patienten wird eine aktive und eigenverantwortliche Rolle in der Therapie zugebilligt. Adherence ersetzt zunehmend den älteren Begriff Compliance, dem eine asymmetrische Arzt-Patienten-Beziehung zugrunde liegt und der für „Folgsamkeit“ steht.

Ausführliche Informationen zum Berliner Gesundheitspreis, unter anderem zu den einzelnen Preisträgern, den Mitgliedern der Jury und Bewertungskriterien unter www.aok-bv.de

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