Berlin - Fachverbände und Patientenorganisationen im Bereich Schmerztherapie betrachten aktuelle Entwicklungen mit Sorge. Deshalb haben sie sich zur „Koalition gegen den Schmerz“ zusammengeschlossen.
Ihre Vertreter kritisierten auf einer gemeinsamen Pressekonferenz in Berlin, dass Diagnose, Therapie und langfristige Versorgung von Schmerzpatienten nicht nach optimalen organisatorischen und wissenschaftlichen Voraussetzungen geregelt sind. „Die bisher schon prekäre Versorgungssituation chronisch Schmerzkranker verschärft sich weiter“, warnte Dr. Marianne Koch, Präsidentin der Deutschen Schmerzliga.
Morbi-RSA vernachlässigt chronische Schmerzkrankheit
Chronischer Schmerz muss als eigenständiges Krankheitsbild in die Liste des morbiditätsbezogenen Risikostrukturausgleichs (Morbi-RSA) aufgenommen werden, fordert die Koalition. Gerade die Versorgung der über 15 Millionen chronisch kranken Schmerzpatienten falle in Deutschland aktuell durch das Raster des Verteilungssystems des Gesundheitsfonds.
Eine risikogerechte Steuerung der Finanzmittel des Gesundheitsfonds über den Morbi-RSA ist nach Ansicht der Koalition nur gegeben, „sofern die Diagnosen, die einen hohen finanziellen Aufwand verursachen, in den 80 Krankheitsgruppen, die erhöhte Zuweisungen auslösen, entsprechend enthalten sind.“ Denn konnten bisher Krankenkassen die durch Schmerzpatienten verursachten hohen Kosten durch Patienten mit geringeren Kosten kompensieren, falle diese Möglichkeit der Mischfinanzierung unter dem Einheitsbeitrag im Gesundheitsfonds und pauschalierten Zuweisungen weg. „Die bisher schon prekäre Versorgungssituation chronisch Schmerzkranker wird hierdurch weiter verschärft“, sind die Vertreter der Koalition überzeugt.
Valide epidemiologische Untersuchungen zeigten, dass chronische Schmerzen mit einer Häufigkeit von 17 Prozent der Gesamtbevölkerung zu den teuersten Krankheiten im deutschen Gesundheitssystem zählten. „Die chronische Schmerzkrankheit ist als eigenständiges Krankheitsbild aber erst seit Januar 2009 kodierbar“, sagt Dr. Reinhard Thoma, Präsident des Berufsverbandes der Schmerztherapeuten in Deutschland. Die Experten rechnen mit einer mehrjährigen Verzögerung, bis die Diagnose im Morbi-RSA Berücksichtigung findet.
Austauschpflicht voller Risiken
Chronisch Schmerzkranke benötigen zur optimalen Linderung ihrer Schmerzen häufig stark wirksame Opioide. Eine zweite Kernforderung der Koalition: Opioide der WHO-Stufe III müssen aus der automatischen Austauschpflicht herausgenommen und dürfen vom Apotheker nicht ohne Rücksprache mit dem verordnenden Arzt ausgetauscht werden – gegen ein wirkstoffgleiches rabattiertes oder preisgünstigeres Präparat. Laut Dr. med. Gerhard Müller-Schwefe, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie, mache sich der Austausch gerade bei chronischen Schmerz- und Tumorpatienten besonders negativ bemerkbar. Es habe sich gezeigt, dass sich die Versorgung der Patienten durch den Austausch von wirkstoffgleichen Arzneimitteln deutlich verschlechtert habe. „Selbst bei gleicher Substanz und Substanzmenge bestehen für den Patienten bei Opioiden nachweisbare Unterschiede in deren Wirkung“, so Müller-Schwefe. Eine Studie über 424 Patienten unter einer Opioidmedikation wies nach, dass für 85 Prozent der Patienten die Umstellung mit einer signifikanten Schmerzzunahme, Nebenwirkungen und gravierenden Beeinträchtigungen der Lebensqualität verbunden war. Jeder Austausch eines Opioids komme immer einer Neueinstellung gleich, stellt Experte Müller-Schwefe fest.
Da Schmerztherapie und Palliativmedizin in der Ausbildung der Ärzte bislang zu kurz kämen, plädiert die Koalition außerdem dafür, beide Bereiche als Pflichtlehr- und Prüfungsfach in der Approbationsordnung zu verankern.
Aktiv für eine adäquate Schmerztherapie
In der Koalition gegen den Schmerz haben sich zusammengeschlossen: Berufsverband der Schmerztherapeuten, Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin, Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie, Deutsche Gesellschaft zum Studium des Schmerzes, Deutsche Gesellschaft für Versicherte und Patienten, Deutsche Schmerzliga, Interdisziplinäre Gesellschaft für orthopädische und unfallchirurgische Schmerztherapie. Sie wollen ihre gebündelte Kompetenz in politische Entscheidungsprozesse einbringen.