Berlin - Das Europäische Parlament will den Weg für Patienten ebnen, die sich im Ausland behandeln lassen möchten. In grenznahen Regionen gibt es dafür schon seit mehreren Jahren Einzelprojekte.
Gesundheitsleistungen können im Ausland in Anspruch genommen werden. So würde die einfache Botschaft des Europäischen Parlaments lauten, wenn die neue Richtlinie über die grenzüberschreitende Gesundheitsversorgung verabschiedet wird. In beschränktem Maße ist dies bereits seit längerer Zeit möglich. Seit 2004 können Krankenkassen beispielsweise Einzelverträge mit Krankenhäusern aus Europa abschließen, um ihren Versicherten wichtige Operationen oder andere Eingriffe zu ermöglichen. Dies ist vor allem für Patienten interessant, die nahe an der Grenze Deutschlands wohnen und für die der Weg in ein ausländisches Krankenhaus kürzer ist als der zu einer deutschen Klinik. In der deutsch-niederländisch-belgischen Grenzregion an Maas und Rhein haben sich bereits drei Kooperationsregionen gebildet, die Patienten den Zugang zur Versorgung und einen grenzüberschreitenden Service bieten. Aber auch an der polnischen Grenze und im Dreiländereck Deutschland-Frankreich-Schweiz öffnen sich die Staatsgrenzen.
„Staatsgrenzen im Gesundheitsbereich überwinden“
Im AOK-Bezirk Hochrhein-Bodensee hat man die Zeichen der Zeit schnell erkannt. Sprachbarrieren zwischen Basel und Lörrach gibt es keine, mit der Tram fahren die Schweizer und Deutschen ohne Barrieren von einem Land ins andere – nur die Gesundheitsleistungen machten bisher an der Staatsgrenze halt. „Das Dreiländereck wächst immer mehr zu einer wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Einheit zusammen“, befindet AOK-Bezirkschef Dietmar Wielandt. Deshalb schloss die AOK mit Krankenhäusern in Basel und Umgebung Einzelverträge. Für aufwändige Eingriffe wie Knochenmarktransplantationen, Wirbelsäulen-OPs oder Tumorentfernungen müssen die Lörracher seitdem nicht mehr ins weit entfernte Freiburg fahren, sondern nur wenige Kilometer über die Grenze. Das Ziel formuliert Marno de Moult, der die Verträge der AOK ausgearbeitet hat, so: „Wir wollen einen grenzüberschreitenden Gesundheitsmarkt, der regional funktioniert. Die Einzelverträge mit den Krankenhäusern sind ein erster Schritt dorthin.“ Wenn mit Inkrafttreten der neuen EU-Richtlinie diese Vorgänge zur Normalität werden, hat die AOK mit ihren Versicherten schon mehrere Jahre Erfahrung im „Grenzen überwinden“. Für die Schweiz, die kein EU-Mitglied ist, gilt die Neuregelung ohnehin nicht per se.
Versorgung ohne Grenzen: 15 Jahre Tradition im Rheinland
Einen anderen Ansatzpunkt nutzen mehrere Regionen im deutsch-belgisch-niederländischen Grenzgebiet. Seit gut 15 Jahren bildet beispielsweise die Region Rhein-Waal eine so genannte „Euregio“. Diese Kooperationen werden von der Europäischen Union mit dem Interreg-Programm gefördert und haben eine Vernetzung von benachbarten Gebieten in Raumordnung, Wirtschaft, Umwelt oder Arbeitsmarkt zum Ziel. In drei „Euregios“ im äußersten Westen Deutschlands profitieren die Bewohner seit langem auch von der Zusammenarbeit im Bereich Gesundheit. Auf diese Weise werden Fachärzte, Hausärzte und Krankenhäuser vernetzt, um den Patienten die grenzüberschreitende Behandlung zu ermöglichen. Auch der Einsatz von Rettungshubschraubern und der Einkauf der Kliniken erfolgt mittlerweile abgestimmt. Für den Patienten funktioniert dies, da beispielsweise die AOK Rheinland/Hamburg mit der niederländischen Kasse „CZ Actief in Gezondheid“ kooperiert. Der Patient braucht lediglich eine internationale Versichertenkarte und die niederländische Kasse rechnet direkt mit der AOK ab. Mittlerweile sind in den drei Euregios über 20 unterschiedliche Projekte realisiert worden.
Rettungswesen zwischen Deutschland und Polen ohne Hindernisse
Was an der westlichen Grenze gut funktioniert, kommt an der Grenze zu Polen ebenfalls ins Rollen. Parallel zur Öffnung des Gesundheitsmarktes durch die neue EU-Richtlinie erarbeiten beide Länder ein Regelwerk für ein „grenzenloses“ Rettungswesen beiderseits der Oder. Vor allem organisatorische und technische Details seien noch offen, so der Abteilungsleiter für Europa und Internationales im Bundesgesundheitsministerium, Ewold Seeba. Er zeigt sich aber optimistisch, dass noch in diesem Jahr die Rahmenvereinbarung unterschrieben werden kann. Wenn dies geschehen ist, können die Regionen in Grenznähe die Vereinbarung ergänzen und der „Rettung ohne Grenzen“ steht nichts mehr im Weg. Gleichzeitig steht mit der deutsch-polnischen Region Spree-Neiße-Bober eine weitere Euregio in den Startlöchern. Dort soll nach rheinländischem Vorbild eine Gesundheitswirtschaftsregion etabliert werden. Die Kooperationen zum Vorteil des Patienten werden also in allen Himmelsrichtungen ausgebaut.
Informationen über Verträge und Kooperationen in Europa bieten die AOK und die Techniker Krankenkasse gemeinsam auf einem Internetportal an: europa.aok-tk.de
Die drei Euregios an der deutsch-belgisch-niederländischen Grenze präsentieren ihre Angebote dreisprachig: www.euregiogesundheitsportal.de