Patientenbrief

Juli 2009

VERSORGUNG
Demenzkranke werden unter- und fehlversorgt

Berlin - Die Barmer hat die Versichertendaten ihrer Alzheimer-Demenz-Patienten wissenschaftlich analysieren lassen. Das Ergebnis: Eine Versorgung nach Leitlinie ist deutlich günstiger als Unter- oder Fehlversorgung, aber selten.

Das Forschungsprojekt wurde im Jahr 2005 von der Krankenkasse gemeinsam mit dem Institut für Empirische Gesundheitsökonomie (IfEG) und einem Arzneimittelhersteller gestartet. "Mit dieser retrospektiven Versorgungsanalyse wird erstmals die Versorgungsrealität unserer Versicherten mit Alzheimer-Demenz abgebildet", beschreibt die stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Barmer, Birgit Fischer, die Intention des Projekts. "Demenzerkrankungen sind eine besondere Herausforderung, mit denen nahezu jeder Bürger im Laufe seines Lebens direkt oder indirekt konfrontiert wird." Die Zahlen der Barmer unterstreichen dies: Im Jahr 2005 waren in der Gruppe der über 65-Jährigen rund 25.500 Versicherte dieser Kasse betroffen, 2006 waren es 27.700 und 2007 bereits 30.100. Dies bedeute großes Leid für die Betroffenen und ihre Angehörigen, aber auch eine große finanzielle Belastung für die Krankenkassen, so Fischer.

Behandlung ist zu selten leitliniengerecht
Für die Untersuchung teilten die Wissenschaftler vom IfEG die Alzheimer-Patienten der Barmer in drei Gruppen ein. Die erste Gruppe beinhaltet alle Patienten, die den in den Leitlinien verankerten Wirkstoff Memantine ohne Zugabe weiterer Psychopharmaka oder Sedativa erhielten. Die zweite Gruppe umfasst jene Alzheimer-Betroffenen, die Psychopharmaka oder Sedativa, aber keine spezifischen Antidementiva wie Memantine erhielten. Alle Patienten, die überhaupt keine medikamentöse Therapie bekamen, bilden die dritte Vergleichsgruppe. Die Statistiken zeigen, dass etwa ein Drittel der Patienten mit Alzheimer-Diagnose weder Psychopharmaka noch eine demenz-fokussierte Therapie bekommen. Circa die Hälfte fällt in die zweite Gruppe und erhält nicht-demenzspezifische Medikamente. Lediglich sieben Prozent erhalten das in Leitlinien verankerte Antidementivum Memantine ohne andere Psychopharmaka. Für die Analyse verglichen die Wissenschaftler des IfEG diese drei Versorgungsgruppen anhand von gut 21.500 Patientendatensätzen der Barmer, die anonymisiert übergeben wurden.

Gute Behandlung ist kostengünstiger
Dabei stellt das IfEG fest, dass die Patienten der so genannten Memantine-Gruppe die niedrigsten Gesamtkosten für die Kasse erzeugen. Sie verursachen deutlich weniger Pflege- und Krankenhauskosten als Patienten, die viele verschiedene Psychopharmaka erhalten oder Patienten komplett ohne Arzneimitteltherapie. Trotz höherer Arzneimittelkosten sind die Gesamtausgaben für diese Patienten signifikant geringer. Auch im Vergleich der Pflegestufen zeigt sich, dass der Einsatz des Antidementivums Memantine die Patienten länger in die Lage versetzt, ihren Alltag selbst zu bestreiten, und damit Pflegekosten reduziert. "Die Unter- oder Fehlversorgung bedeutet ein schnelleres Fortschreiten der Erkrankung und verschiebt die Krankheitskosten in die Pflegekassen", fasst Fischer die Ergebnisse zusammen. Gemeinsam mit niedergelassenen Hausärzten und Neurologen, der pharmazeutischen Industrie und den Betroffenen und ihren Angehörigen müsse eine gut funktionierende, leitliniengerechte Behandlung sichergestellt werden.



Leitlinie
Leitlinien dienen dazu, bestimmte Therapien oder Behandlungsmöglichkeiten zu standardisieren und können somit dazu beitragen, eine gleich bleibend hohe Qualität zu sichern. Wer eine solche Leitlinie formuliert, ist nicht einheitlich geregelt. Meistens gibt die zuständige Fachgesellschaft, im Fall der Demenz die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN), eine ausführliche Behandlungsempfehlung auf dem Stand der Wissenschaft und ihrer Praxis heraus. Doch auch Krankenkassen, Patientenorganisationen oder öffentliche Institutionen wie das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) beteiligen sich mit eigenen Leitlinien. Besonders im Bereich Alzheimer-Demenz ist die Lage unübersichtlich. Mehr als 40 nationale und internationale Leitlinien gibt es zu dieser Diagnose. Im Laufe des Jahres 2009 soll jedoch eine neue so genannte S3-Richtlinie verschiedener Fachgesellschaften zur Demenz erscheinen. S3 bezeichnet die höchste Qualitätsstufe für Leitlinien. In vielen Leitlinien, darunter auch jene der DGN, wird Memantine als wirksames Präparat in mittleren und schweren Stadien der Alzheimer-Demenz empfohlen.

Die Pressemitteilung der Barmer zur Studie über die Versorgungssituation ihrer Alzheimer-Demenzpatienten. Die Pressemappe bietet Hintergrundinformationen bis hin zu ausgewählten Statistiken der Analyse.

Die Patientenleitlinie zum Thema Demenz enthält alle relevanten Basisinformationen für Betroffene und ihre Angehörigen.

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