Patientenbrief

SELBSTHILFE MIT DER MAUS
Vorteile oder Nachteile – was überwiegt?

Berlin - Dass Selbsthilfe auch moderne Kommunikationsmöglichkeiten nutzt, ist relativ neu. Doch es gibt bereits erste Erkenntnisse über Vor- und Nachteile, zwischen denen abgewogen werden muss.

Unschlagbarer Vorteil: Ortsunabhängig und ständig erreichbar
Stephan Matthies hat in einer Untersuchung am Institut für Erziehungswissenschaften der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg festgestellt, welche Vorteile Online-Selbsthilfegruppen bieten: Sie sind ortsunabhängig und durchgängig erreichbar, was für abgelegen wohnende oder zeitlich beanspruchte Menschen sehr hilfreich ist. Sie sind unverbindlich, was es Neulingen ermöglicht, erst einmal zu "schnuppern"; Erfahrene finden jedoch auch einen vertieften Austausch. Der Computer bietet zwar keine Face-to-Face-Kommunikation, die Menschen sitzen sich nicht gegenüber, aber er erweitert die kommunikativen Möglichkeiten: Gerade für Behinderte kann es erleichternd sein zu kommunizieren, ohne mobil sein zu müssen, oder zu kommunizieren, ohne dass die Behinderung gleich offensichtlich wird. Kontakte mit Behinderten auf der ganzen Welt sind möglich. Matthies nennt auch einen praktischen Aspekt: Man könne auf Schreibhilfen zurückgreifen, die Tastatur sei teils einfacher zu bedienen als ein Stift.

Therapeutische Effekte können sich steigern – oder minimieren
Als wesentliche Vorteile der neuen Online-Form der Selbsthilfe nennt auch Diplompsychologin Dr. Christiane Eichenberg auf einem NAKOS-Workshop, dass Lücken in der Selbsthilfeinfrastruktur durch die geografische Unabhängigkeit geschlossen werden. Ferner hebt Eichenberg hervor, dass Kontakte autonom aufgenommen und therapeutische Effekte durch ein höheres Maß an kollektivem Wissen gesteigert werden können. Als Nachteile sieht die Wissenschaftlerin die so genannte asynchrone Kommunikation, also den Verlust von Spontaneität und unmittelbarem Erfahren von Verbundenheit, insbesondere in Krisensituationen. Ferner kann sich das Gruppenklima durch "Flaming" (Beschimpfungen) oder Teilnehmerfluktuation negativ auswirken. Nachteilhaft kann auch eine zunehmende soziale Isolation sein. Nach Ansicht von Eichenberg ist zudem eine Minimierung therapeutischer Effekte nicht ausgeschlossen – durch die fehlende Entwicklung von Vertrauen, Wärme und Verbindlichkeit.

Positive und negative Wirkungen
Auch das NAKOS-Entwicklungsprojekt "Selbsthilfe und Neue Medien" – gestartet in diesem Jahr – hat erste Erkenntnisse zu Vorteilen beziehungsweise Chancen und Herausforderungen der Online-Selbsthilfe gebracht. Sie beruhen auf der Sichtung wissenschaftlicher Literatur und einer Feldanalyse:

  • Häufig ist die Kommunikation in solchen Gruppen von ähnlicher Qualität wie bei face-to-face Gruppen: die persönlichen Beziehungen werden als eng, bedeutsam und genauso real empfunden.
  • Die Merkmale der Gruppen ähneln sich: kostenlose Teilnahme, Weitergabe eigener Erfahrungen, alle Teilnehmer/innen sind gleichgestellt, Austausch von Bewältigungsmöglichkeiten.
  • Das eigene Selbstwertgefühl wird gestärkt, von besonders hoher Bedeutung für Leute mit sozialen Ängsten oder bei gesellschaftlich tabuisierten Themen.
  • Es wird berichtet, dass Teilnehmer durch den Online-Austausch mitunter so sehr ermutigt werden, dass ein realer Gruppenkontakt gesucht wird.

Die ersten Zwischenergebnisse deuten aber auch auf Risiken oder Nachteile hin: die non-verbalen Kommunikationsinhalte entfallen, auch der online-Austausch setzt höhere sprachliche Fertigkeiten voraus, die Bildung von Gemeinschaft dauert meist länger, die Hürde für negatives Agieren (Faking) ist viel niedriger und negative Gruppenprozesse können weniger gut aufgearbeitet werden.

Medienkompetenz gefragt
Auf der bundesweiten Fachtagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen e.V. Anfang Juni wurde deutlich, dass sich Selbsthilfekontaktstellen Medienkompetenz aneignen müssen, berichtet Miriam Walther von NAKOS. Insbesondere, um auch mit der wichtigen Frage des Datenschutzes richtig umgehen und Selbsthilfegruppen kompetent beraten zu können. Diesen Bedarf nach Medienkompetenz und nach Kriterien zur Bewertung virtueller Selbsthilfe-Angebote wird die NAKOS im Rahmen ihres Projektes "Selbsthilfe und Neue Medien" aufgreifen. Um Informationsangebote im Internet auf Qualität und Seriösität beurteilen zu können, hat die NAKOS einige Tipps zusammengestellt, die als Orientierungshilfe dienen können.



Wie finde ich gute Qualität?
Tipps, um Informationsangebote im Internet auf Qualität und Seriosität beurteilen zu können, hat die NAKOS zusammengestellt:

  1. Ist der Zugang frei und das Angebot kostenlos? Sind Mitgliedschaft oder ein Abonnement Voraussetzungen für die Nutzung?
  2. Wer ist der Anbieter? Ist er klar zu identifizieren? Gibt es eine Selbstdarstellung? Suchen Sie nach Merkmalen für die Seriosität des Anbieters.
  3. Wird über die Finanzierung der Website informiert? Werden Sie mit Werbung überhäuft und über Buttons auf Produktanbieter umgeleitet?
  4. Gibt es eine klare Darstellung, was unter "Selbsthilfe" verstanden wird? Sind die selbsthilfebezogenen Informationen leicht zu finden?
  5. Sind die Informationen, Daten und Kontaktadressen aktuell, ist der Stand zu identifizieren? Sind die dargestellten Inhalte überprüfbar und transparent?
  6. Was verspricht das Angebot, wird das eingehalten? Nicht allein ob etwas angeboten, sondern in welchem Umfang und mit welcher Pflege dies geschieht, ist entscheidend.
  7. Ist das Angebot nutzerfreundlich? Ist die Gestaltung klar und übersichtlich, kann man sich gut orientieren? Sind die Texte übersichtlich, gut lesbar und verständlich? Gibt es Hinweise und Sicherungen zum Daten- und Personenschutz, zum Beispiel von Chat-Rooms?
  8. Gibt es zweckdienliche Verweise (Links) auf andere Anbieter und wichtige Institutionen beziehungsweise Organisationen?
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