Patientenbrief

FORSCHUNG
Welche Besonderheiten gibt es im Netz?

Berlin - Ist das Internet mit seinen kommunikativen Besonderheiten auch für Selbsthilfe geeignet? Mit dieser Frage hat sich der Pädagoge und Sozialarbeiter Stephan Barth in seiner Dissertation befasst. Er begibt sich damit auf ein relativ neues Forschungsterrain.

Wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema "Selbsthilfe im Internet" sind bislang rar. Dies war auch ein Grund für Barth, seine Analyse im Jahr 2003 als Einzelfallstudie anzulegen. Im Rahmen dieser Arbeit unterzog er das virtuelle Diskussionsforum der Selbsthilfegruppe "de.etc.selbsthilfe.angst" einer vertieften Untersuchung. Dazu analysierte er in einem festgelegten Zeitraum eine Folge von Diskussionsbeiträgen, die in diesem Forum erschienen. Diese so genannten Threads umfassten 1.055 Beiträge, die von 117 Akteuren verfasst wurden. Im Folgenden sollen einige Erkenntnisse aus der umfangreichen Dissertation zusammengefasst werden.

Wer nutzt das Angebot?
Die Akteure ließen sich hinsichtlich ihrer soziodemographischen Daten nur ansatzweise beschreiben. Dies lag daran, dass lediglich einige wenige von ihnen sich dazu äußerten. Barth interpretiert das allerdings nicht als mangelnde Offenheit, da entsprechende Angaben möglicherweise bereits früher gemacht wurden. Dennoch mache dies ein Spezifikum der Selbsthilfe-Newsgroup deutlich. Es ist nicht zu jedem Zeitpunkt möglich, Näheres über alle anderen Teilnehmer zu wissen. Weibliche Akteure waren zum Untersuchungszeitpunkt mit einem Anteil von gut einem Viertel unterrepräsentiert, sie verfassten aber über 40 Prozent der Postings (Mitteilungen). Geschlechtsspezifische Unterschiede gab es laut Barth auch insoweit, als die männlichen Akteure eher agierten, während die weiblichen eher reagierten.

Individuelle Teilnahmegewohnheiten sehr unterschiedlich
Die Internet-Nutzer bildeten hinsichtlich ihrer Teilnahmegewohnheiten eine durchaus heterogene Gruppe: Einige wenige schrieben sehr viele Postings, bei ihnen ist zu vermuten, dass sie nahezu dauerpräsent im Forum waren und dort sozusagen ihren sozialen Lebensmittelpunkt haben. Der Großteil dagegen trat eher sporadisch oder einmalig im Untersuchungszeitraum aktiv in Erscheinung. Von der Möglichkeit, zu jeder Tages- und Nachtzeit in der Newsgroup aktiv zu werden, wurde reger Gebrauch gemacht. Dabei gab es durchaus individuell unterschiedliche präferierte Tageszeiten. Während z.B. einige bevorzugt vormittags aktiv wurden, schrieben andere vornehmlich nachts, und wieder andere verteilten ihre Postings über sämtliche Tageszeiten. Darüber hinaus stellte Barth fest, dass es Akteure gab, die sich in Bezug auf explizite Hilfe eher als unterstützend und andere, die sich eher als hilfesuchend präsentierten. Letztere waren tendenziell eher männlich, erstere eher weiblich.

Mitteilungen mit Themenbezug nicht in der Mehrzahl
Es stellte sich heraus, dass lediglich 210 der 1.055 Postings als Hilfebeiträge bezeichnet werden konnten. Gleichzeitig ermittelte Barth, dass mehr als ein Drittel der Akteure im Untersuchungszeitraum nicht einen einzigen expliziten Hilfebeitrag schrieben. Wenn Beiträge allerdings Hilfe bieten wollten, gehörten sie zu den ausführlichsten. Der Großteil der Mitteilungen beschäftigte sich auch nicht mit angst-spezifischen Themen, sondern mit angst-unspezifischen Inhalten, darunter ein hoher Anteil an alltäglicher Kommunikation. Dass die angst-unspezifischen Inhalte überwogen, lässt sich auch daran erkennen, dass sich nur eine Minderheit der Akteure zur Frage äußerte, ob sie aktuell eine Therapie machten oder bereits früher diesbezügliche Erfahrung sammeln konnten. Von mehr als einem Drittel konnte nicht einmal definitiv gesagt werden, ob sie von der Angststörung betroffen sind, weil sie sich dazu nicht äußerten. Ein weiteres Indiz dafür, dass eher alltägliche Kommunikation im Vordergrund stand, mag auch sein, dass die benutzten Piktogramme überwiegend fröhliche Gefühlslagen zum Ausdruck brachten. Eine interessante Feststellung: Die Diskussionsbeiträge wurden fast immer mit angstspezifischen Gegenständen eröffnet, wechselten aber recht bald den Gegenstand. In der Regel wurde dann angst-unspezifisch kommuniziert.

Differenzierte Anfragen zur Therapie
Der eindeutige Schwerpunkt bei den Hilfebeiträgen lag im Bereich "konkreter Interaktionen", vor allem bei "Information" und "Beratung". Unterstützung wurde nicht nur von Selbstbetroffenen angefragt, sondern auch von Angehörigen von Angstkranken. Insoweit schien durchaus ein Vertrauen in die Informations- und Beratungskompetenz der Newsgroup vorhanden zu sein. Es wurden sogar differenzierte Anfragen zu medikamentösen Therapien gestellt, von denen man eher hätte annehmen können, dass sie an Ärzte oder Apotheker zu richten wären. Dies drückt möglicherweise ein Misstrauen gegenüber dem professionellen Versorgungssystem aus. Vor dem geschilderten Hintergrund, dass es durchschnittlich etwa sieben Jahre dauert, bis die Angststörung richtig diagnostiziert wird, wird das auch verständlich. Insgesamt scheint es Menschen durchaus möglich zu sein, im Kommunikationsraum Internet auf dem Wege der Selbsthilfe von vielfältigen sozialen Unterstützungsleistungen profitieren zu können.



"Konventionelle" vs. "virtuelle" Selbsthilfegruppe
Stephan Barth konstatiert zwischen beiden Formen erhebliche Übereinstimmungen. Hinsichtlich ihrer Potentiale für sachbezogene Beratung und Information dürfte die Newsgroup der konventionellen Selbsthilfegruppe überlegen sein. Hier wirken sich der überregionale Charakter und die große Zahl der Akteure sicherlich positiv im Sinne einer breiten Ressourcenbasis aus. Beratung in persönlichen Dingen dürfte aufgrund des privateren Settings und der breiteren kommunikativen Ausdrucksmöglichkeiten dagegen in den konventionellen Gruppen effektiver sein. Diese können überdies im Gegensatz zu Newsgroups auch Unterstützung bereithalten hinsichtlich solcher Dimensionen wie "Arbeitshilfen", "materielle Unterstützung" und "Intervention". Ein wesentlicher Unterschied besteht hinsichtlich der sozialpolitischen Einflussnahme. Gruppen vor Ort sind oftmals eingebunden in lokale Versorgungssysteme, sie leisten sozialpolitische Lobbyarbeit und verändern durch Kooperation mit professionellen Kräften deren Verständnis von jeweiligen Problemlagen. Bestrebungen, politischen Einfluss zu nehmen, waren jedenfalls im Untersuchungszeitraum nicht Gegenstand der Kommunikation der betrachteten Newsgroup.

Die Dissertation "Unterstützungsleistungen im Kommunikationsraum Internet – Eine Fallstudie zu einer Selbsthilfegruppe" von Stephan Barth ist zu finden unter: www.ub.uni-siegen.de

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