Patientenbrief

STUDIE
Arzt und Patient entscheiden gemeinsam

Berlin - In der Reha müssen sich Behandler und Patient für oder gegen bestimmte Therapien entscheiden. Eine Studie der Universität Freiburg soll klären, wie dies auch im Bereich Rehabilitation partizipativ geschehen kann.

Das Ziel der Studie, die in der Abteilung für medizinische Soziologie der Universität Freiburg durchgeführt wird, ist ein Fortbildungsprogramm für Ärzte. Sie sollen lernen, Entscheidungen über Therapien und Maßnahmen gemeinsam mit dem Patienten zu treffen. Diese so genannte Partizipative Entscheidungsfindung (PEF) soll traditionelle Konzepte der Arzt-Patient-Beziehung ablösen. Dabei entscheidet der Arzt nicht mehr über den Kopf des Patienten hinweg die Therapie, sondern informiert den Betroffenen umfassend über die Diagnose, Ursachen und mögliche Heilungsansätze, so dass sie die Entscheidung zusammen treffen können. „Für viele medizinische Situationen gibt es bereits Schulungsprogramme“, erklärt Studienleiterin Dr. Mirjam Körner. „Wir haben eine neue Studie ins Leben gerufen, um die partizipative Entscheidungsfindung auf die Rehabilitation zu übertragen.“ In diesem Bereich seien sehr komplexe Entscheidungen zu treffen, da oft viele Behandler beteiligt seien und Therapien bei den Patienten sehr unterschiedlich wirken könnten, so Körner.

„Mitarbeiterschulungen kosten viel Zeit“
Das Projekt mit dem Titel „PEFiT – Entwicklung und Evaluation eines Fortbildungsprogramms zur partizipativen Entscheidungsfindung in der medizinischen Rehabilitation“ umfasst zwei Forschungsschritte. Zuerst wurden in einer Pilotstudie die Module für das Schulungsprogramm entwickelt. Dafür griffen die Forscher um Dr. Körner auf bekannte Programme zurück und befragten Experten und Patienten, um sie speziell auf die Rehabilitation zuzuschneiden. Die Pilotstudie ist mittlerweile abgeschlossen. In einem zweiten Schritt soll das entwickelte Fortbildungsprogramm evaluiert werden. Patienten und Mitarbeiter werden an drei verschiedenen Zeitpunkten befragt, um festzustellen, wie sich die Therapien und deren Akzeptanz gegenüber traditionellen Ansätzen verändert haben. Der Aufwand dafür ist groß. „Eine Mitarbeiterschulung zu entwickeln und durchzuführen, kostet viel Zeit“, erklärt Körner. „Mitarbeiter müssen für die Fortbildung freigestellt werden und anschließend das Gelernte an Kollegen weitergeben.“ Gerade in der Rehabilitation sei es zusätzlich notwendig, die interne Kommunikation im Behandlerteam zu trainieren, ergänzt die Studienleiterin. „Klar ist auch, dass eine verbesserte Patientenorientierung letztendlich nur durch Patienten bewertet werden kann, deshalb sind sie fester Bestandteil der Evaluation.“

Trainingsprogramm soll universell einsetzbar sein
Die Ergebnisse der Pilotstudie zeigen, dass sich sowohl Patienten als auch Behandler gemeinsames Vorgehen bei der Rehabilitation wünschen. Während bei den Betroffenen mehr Zeit und der Wunsch nach Partizipation oberste Priorität haben, wollen die Ärzte und Therapeuten vor allem ihr Vorgehen erklären und dadurch ein Vertrauensverhältnis zum Patienten entwickeln. Sie wollen zudem genug Zeit haben, ihre Patienten als Individuen zu behandeln. „Die Patienten beklagen einen Mangel an persönlicher Ansprache und Wertschätzung“, fasst Körner die Ergebnisse der Pilotstudie zusammen. Gemeinsam mit ihrem Forscherteam hat sie deshalb zwei Trainingsmodule entwickelt, die in der Hauptstudie getestet werden. Im ersten Modul wird die Partizipative Entscheidungsfindung vermittelt. An zwei Halbtagen werden die Behandler Schritt für Schritt in das Konzept eingeführt. Im zweiten Modul stehen die Mitarbeiter im Mittelpunkt. Sie sollen lernen, ihre Kollegen über PEF zu informieren und sie ebenfalls stärker in den Praxisalltag einzubeziehen. „Dieser zweiteilige Ansatz ist eine Innovation, weil wir zugleich die Inhalte vermitteln und die Weitergabe an Kollegen trainieren wollen“, so Körner. „Das Engagement der ärztlichen Leiter ist daher notwendig, damit die PEF flächendeckend in der Rehabilitation ankommt.“ Körner erwartet, dass sich die Kommunikationskultur in den Praxen und Kliniken während der Hauptstudie ändern wird. Dies würden am Ende die Betroffenen zu spüren bekommen. Ziel ist darüber hinaus, ein universelles Programm zu entwickeln und zu testen. Es soll modifiziert auch in anderen Behandlungsbereichen einsetzbar sein.

2011 sollen abschließende Ergebnisse vorliegen
Die PEFiT-Studie ist in den Förderschwerpunkt „Chronische Krankheiten und Patientenorientierung“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung integriert und wird von der Deutschen Rentenversicherung gefördert. Die Pilotphase begann bereits im Jahr 2008, im März 2011 soll die Hauptstudie abgeschlossen sein. Das Schulungsprogramm wird derzeit in den 15 kooperierenden Rehabilitationskliniken bis Mitte 2010 getestet. „Wir werden 2011 ein systematisch evaluiertes Trainingsprogramm präsentieren können, welches sofort in der Praxis eingesetzt werden kann“, prognostiziert die Studienleiterin. „Trotzdem haben wir weitere Forschungen und Modulentwicklungen bereits geplant.“



Wie funktioniert PEF?
Die Partizipative Entscheidungsfindung ist ein sehr aufwändiges Verfahren, da sowohl der Arzt als auch der Patient ausführlich über Ursachen, Begleitumstände und Konsequenzen der Erkrankung sprechen müssen. Dies erfordert, dass beide Partner genügend Zeit aufbringen, um sich ausreichend auszutauschen und dass der Arzt in der Lage ist, dem Patienten auch medizinische Details verständlich zu machen. Daher wird die PEF vor allem bei chronischen Erkrankungen angewendet. Erst wenn alle Informationen bekannt sind, beginnt der eigentliche Entscheidungsprozess. Arzt und Patient legen nun dar, welche Therapiealternative sie bevorzugen würden. Schließlich fällen sie eine gemeinsame Entscheidung, welche daher eher den Charakter einer Vereinbarung als einer Verordnung hat. Für Projektleiterin Dr. Miriam Körner ist für die PEF neben der Arzt-Patient-Beziehung auch die interne Kommunikation im Praxisteam wichtig: „Die nachhaltige Umsetzung von PEF setzt voraus, dass die Mitarbeiter eine neue Kommunikationskultur lernen.“

Auf der Seite des Bundesministeriums für Bildung und Forschung wird der komplette Forschungsbereich „Chronische Krankheiten und Patientenorientierung“ dargestellt: www.gesundheitsforschung-bmbf.de

Das Internetportal „Patient als Partner“ des Gesundheitsministeriums bietet aktuelle Informationen zur PEF. Es wendet sich mit Hintergrundinformationen sowohl an Patienten als auch an Ärzte, die sich über Fortbildungen oder Qualitätskriterien informieren möchten.
www.patient-als-partner.de

TOP