München - Eine Szenario-Analyse des Gesundheitssystems dient als Hilfestellung um abschätzen zu können, welche Entwicklungen unter verschiedenen Koalitionen nach der Bundestagswahl zu erwarten sind.
In den letzten Jahren haben sich die Strukturen unseres Gesundheitssystems mit mehreren Reformen stark verändert. Der Gesundheitsfonds und der neue Risikostrukturausgleich zwischen den gesetzlichen Krankenkassen sind nur zwei Beispiele dafür. Nach der Bundestagswahl stehen weitere Reformen ins Haus, dies machen die Wahlprogramme aller im Bundestag vertretenen Parteien deutlich. Konkrete Blaupausen fehlen jedoch, sodass eine sichere und genaue Aussage darüber, wie das Gesundheitswesen in vier Jahren organisiert sein wird, fast unmöglich ist. Experten von GlaxoSmithKline entwerfen daher vier Szenarien, die stellvertretend für richtungsweisende Entwicklungen stehen. Diese ergeben sich aus den Fragen, ob wir in Richtung einer staatlichen Regulierung oder eines wettbewerblichen Ordnungsrahmens steuern und ob das Gesundheitssystem sich eher zentralisiert oder dezentralisiert. Die Szenarien heißen daher „Einheitskasse“ (staatlich, zentral), „reguliertes Patchwork“ (staatlich, dezentral), „Marktwirtschaft“ (wettbewerblich, dezentral) und „Oligopole“ (wettbewerblich, zentral).
Mit welcher Partei in welches Szenario?
Einzelteile, Begriffe oder Zielvorstellungen dieser vier Szenarien finden sich durchaus in den Wahlprogrammen der Parteien wieder. Deshalb ist eine Richtungsschätzung für Koalitionen nach der Bundestagswahl möglich. Die Politikexperten von GSK wagen daher eine Prognose, wie sich der Gesundheitsmarkt in den nächsten vier Jahren entwickeln könnte.
Wird die Große Koalition beispielsweise fortgesetzt, rechnen die Experten mit nur geringen Veränderungen. Da bestehende Reformen weitergeführt werden und die CSU ihren Einfluss für mehr Regionalität geltend machen könnte, geht die Reise in Richtung reguliertes Patchwork. Hier bleibt der Staat oberstes Kontrollgremium, setzt Richtlinien und Mindeststandards bis ins Detail fest. Jedoch werden die Kassen gegenüber den zentralen Institutionen gestärkt. Das sind ideale Voraussetzungen für Selektivverträge, also vertragliche Vereinbarungen zwischen GKV-Kassen und Leistungserbringern bzw. Herstellern. Konsequenz ist eine unüberschaubare Vielzahl an Einzelverträgen, wobei der Preis den einzigen Wettbewerbsparameter darstellt. Die Beitragssätze könnten wieder unterschiedlich gestaltet werden, der morbiditätsbedingte Risikostrukturausgleich wird dafür ausgeweitet.
Eine bürgerliche Mehrheit von Union und FDP hingegen würde das Segel in Richtung Wettbewerb drehen und auch die Dezentralisierung verstärken. Die Liberalen und der soziale Flügel der Union sind jedoch uneins, wie weit der Weg in Richtung Marktwirtschaft gegangen wird. Im „Endstadium“ Marktwirtschaft sind die gesetzlichen Kassen privatisiert und konkurrieren mit privaten Anbietern um Preis und Leistung. Um Verzerrungen im Wettbewerb zu vermeiden beschränkt sich der Gesetzgeber darauf, einen schlanken Basiskatalog festzulegen und Qualitätsstandards zu definieren. Vor dem Hintergrund, dass es keinen gesamtgesellschaftlichen Ausgleich gibt, kauft sich der Versicherte folglich die Gesundheitsleistungen ein und sieht sich mit stark variierenden Preisen für Therapien konfrontiert. Auf lange Sicht wird der Wettbewerb das Angebot an medizinischen Leistungen massiv verändern.
Eine Ampelkoalition aus SPD, Grünen und der FDP ist schwer einzuschätzen, jedoch könnten Zentralisierungstendenzen der SPD und der Drang zu mehr Wettbewerb von Seiten der Liberalen zu Oligopolen führen. In diesem Szenario versucht der Staat, die Vielzahl an Leistungen, Anbietern und Preisen übersichtlich zu gestalten. Er nutzt zwar die positiven Wirkungen von Wettbewerb, stärkt aber zentrale Steuerungsbehörden und gibt Regeln für die Versorgung vor, die eine Zentralisierung fördern. Ähnlich wie bei den Hausarztverträgen könnten nur marktbeherrschende Verbünde oder Kassen Verträge schließen. Nur wenige Großkassen überleben diese Entwicklung. Sie können Ärzte und Hersteller zu Dumpingpreisen zwingen.
Eine Koalition aus SPD und Grünen, eventuell mit Beteiligung oder Duldung der Linken, stellt die Weichen klar in Richtung Einheitskasse. Die solidarische Bürgerversicherung wird von allen drei Parteien präferiert, sodass Entwicklungen in diese Richtung zügig vonstatten gehen könnten. Die Welt der Einheitskasse wird durch eine identische Standardversorgung geprägt. Die Zahl der Kassen nimmt ab, zentrale Steuerungsinstitutionen wie der GKV-Spitzenverband und der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) werden unter Fachaufsicht des Gesundheitsministeriums gestellt. Die private Krankenversicherung ist der gesetzlichen angegliedert, die Beiträge werden aus allen Einkommensarten erhoben. Die Zweiklassenmedizin ist abgeschafft, Differenzen im Leistungsangebot und Preis der Krankenkassen ebenso.
Die komplette Analyse mit dem Titel „Das Gesundheitswesen und der Arzneimittelmarkt nach der Bundestagswahl – eine Szenario-Analyse“ ist zu finden unter: www.glaxosmithkline.de (PDF)