Berlin - „Die hospizliche und palliative Versorgung stagniert in Deutschland auf mangelhaftem Niveau“, resümiert Eugen Brysch, Deutsche Hospiz Stiftung, die aktuelle HPCV-Studie.
Die Publikation „Hospizliche Begleitung und Palliative-Care-Versorgung (HPCV) in Deutschland 2008“ der Deutschen Hospiz Stiftung kommt zu folgender Erkenntnis: Von den 830.000 Menschen, die im vergangenen Jahr starben, wurden nur 12,5 Prozent hospizlich oder palliativ begleitet (2007: 12,6 %). „Benötigen würden aber etwa 60 Prozent der Sterbenden eine solche Begleitung. Das heißt, dass derzeit vier von fünf Sterbenden, die hospizliche bzw. palliative Angebote brauchen würden, keine Hilfe bekommen“, stellt der Geschäftsführende Vorstand der Patientenschutzorganisation, Eugen Brysch, fest.
393.000 Menschen starben ohne Begleitung, die sie benötigt hätten
Die eklatante Unterversorgung erstreckt sich laut Studie über alle Bereiche: Gerade einmal 50.800 Menschen, das sind 6,1 % der Sterbenden, wurden zu Hause, in einem Pflegeheim oder im Krankenhaus ehrenamtlich hospizlich begleitet. 19.000 Menschen (2,3 %) starben in einem stationären Hospiz. Und 33.700 Menschen (4,1 %) wurden auf einer Palliativstation betreut. Demgegenüber starben rund 393.000 Menschen ohne jegliche Begleitung, obwohl sie diese dringend benötigt hätten. Auch die Umsetzung der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung sei enttäuschend. „Dies alles führt uns klar vor Augen: Die Hoffnung, es reiche aus, genügend ambulante Dienste, stationäre Hospize und Palliativstationen zu schaffen, um die Lage der Schwerstkranken und Sterbenden zu verbessern, geht an der Realität vorbei“, kommentiert Brysch. Mehr als Insellösungen seien so nicht zu erwarten, obwohl sich Haupt- und Ehrenamtliche sehr engagierten.
Hospiz als Konzept begreifen
„Um die Situation der Betroffenen wirklich zu verbessern, darf sich die Politik nicht länger hinter der Vorstellung verstecken, den Herausforderungen könne allein durch die Kraft der vielen ehrenamtlichen Helfer begegnet werden“, mahnt Brysch. Vielmehr sei ein grundsätzlicher Schwenk in der Gesundheitsversorgung der Schwerstkranken und Sterbenden nötig. „Die Krankenkassen dürfen nicht länger vornehmlich das honorieren, was wieder gesund macht“, fordert Brysch. „Denn dabei bleiben die auf der Strecke, die nicht mehr gesund werden können.“ Der Schlüssel zum Wandel sei, Hospiz nicht als ein bestimmtes Haus oder einen bestimmten Dienst zu begreifen, sondern als umfassendes Konzept. „Der Hospizgedanke – nämlich Selbstbestimmung und Fürsorge in den letzten Wochen und Monaten des Lebens – muss überall dort Einzug halten, wo Menschen sterben. Egal ob das zu Hause, in einem Pflegeheim oder einem Krankenhaus ist.“
Die HPCV-Studie basiert auf den Daten von insgesamt 228 Hospizdiensten bzw. Palliativstationen im Zeitraum von Dezember 2007 bis Februar 2008. Im Einzelnen teilten 121 ambulante Hospizdienste, 81 stationäre Hospize und 26 Palliativstationen mit, wie viele Menschen sie begleitet hatten.
SAPV kommt nicht voran
Inzwischen sind zwei Jahre vergangen, seit ein gesetzlicher Anspruch auf die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) im Sozialgesetzbuch, SGB, V in den Paragrafen 37b und 132d festgeschrieben wurde. Auch die vorgesehenen Umsetzungsschritte – eine Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses und Empfehlungen der Kassenspitzenverbände – liegen längst auf dem Tisch. Dennoch gibt es nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin bislang gerade mal acht Vertragsabschlüsse über SAPV mit vier verschiedenen Krankenkassen an acht unterschiedlichen Standorten. Einheitliche und gemeinsame Vertragsabschlüsse existieren bis heute nicht. In den meisten Bundesländern finden zwar derzeit Gespräche und Verhandlungen zwischen Krankenkassen und Leistungserbringern über mögliche SAPV-Angebote statt, gleichwohl steht die Umsetzung des Leistungsanspruches in die Praxis fast überall noch aus.
Die komplette Studie „Hospizliche Begleitung und Palliative-Care-Versorgung in Deutschland 2008“ (HPCV) kann im Internet abgerufen werden unter: www.hospize.de (PDF)