Patientenbrief

April 2009

AMBULANTE VERSORGUNG
Mehr Zeit für Patienten durch Innovation?

Berlin - Der jährliche Report „Ambulante Ärztliche Versorgung“ der Gmünder Ersatzkasse offenbart eine steigende Zahl von Arztbesuchen. Damit mehr Zeit für Patienten bleibt, sind innovative Lösungen gefragt.

Die Deutschen gehen so oft zum Arzt wie kaum ein anderes Volk auf der Welt. Dies ist das Fazit des Reports „Ambulante Ärztliche Versorgung“ der Gmünder Ersatzkasse (GEK). Die Kasse hat für das Jahr 2007 zum dritten Mal ihre Versichertendaten ausgewertet und auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet. Alle niedergelassenen Ärzte in Deutschland hatten danach 2007 rund 1,48 Milliarden Patientenkontakte. 76 Millionen Bürger suchten einen Arzt auf, damit waren in dem Jahr nur acht Prozent der Deutschen nicht bei einem Mediziner. An einem normalen Werktag gehen durchschnittlich 5,2 Millionen Personen zu mindestens einem der ungefähr 137.000 niedergelassenen Ärzte. Die höchsten Zahlen erreichen regelmäßig die Montage, zum Quartalswechsel am 1. Oktober 2007 gingen sogar 9,7 Millionen Menschen in eine Praxis. Damit entfielen auf jeden Arzt an diesem Spitzentag 70 Patienten, im Durchschnitt sind es 38.

Deutschland internationale Spitze bei den Arztkontakten
Der GEK-Report zeigt weiterhin, dass die Zahl der Arztbesuche in Deutschland stetig ansteigt. 2004 registrierten die Kassenstatistiker 16,4 Arztkontakte pro Person und Jahr. Im Jahr 2007 waren es 17,7. Die Zahl der Behandlungsfälle, also der einzelnen Krankheiten pro Patient, stieg ebenfalls von 6,5 auf 7,1 im gleichen Zeitraum. Damit liegt Deutschland international mit Abstand an der Spitze. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) führt in ihrer aktuellsten Statistik vom Oktober 2008 Schweden mit 2,8 und Japan mit 13,7 Arztkontakten pro Jahr. Alle anderen Länder liegen dazwischen. Deutsche gehen demnach fast dreimal so häufig zum Arzt wie Dänen (7,5) oder Österreicher (6,7). Dabei gibt das deutsche Gesundheitssystem vergleichsweise wenig Geld für ambulante Leistungen aus. Den 434 US-Dollar im Jahr 2006 für diese Leistungen in Deutschland stehen fast 800 Dollar in Dänemark und Österreich sowie über 1400 Dollar in den USA gegenüber, hat die OECD errechnet.

Niedergelassene Ärzte in Zeitnot – droht eine Fließbandmedizin?
Der demographische Wandel wird die Entwicklung der Zahl der Arztkontakte weiter forcieren, denn schon heute gehen über 85-Jährige mit 40 Besuchen pro Jahr am häufigsten zum Arzt. Besonders Hausärzte werden sich also auf steigende Patientenzahlen einstellen müssen. Der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt, sieht daher großen Handlungsbedarf: „Wir haben im ambulanten Versorgungsbereich einen hohen Bedarf an Steuerung und Koordination, der nur mit einer Weiterentwicklung der Lotsenfunktion des Hausarztes gedeckt werden kann.“ Es müssten für die Zukunft innovative Lösungen entwickelt werden, beispielsweise für die Vergütungssysteme, so Weigeldt. „Der Deutsche Hausärzteverband hat diesen Zusammenhang schon längst erkannt und unter der Zielsetzung ‚Mehr Zeit für Patienten’ eine Honorarstruktur entwickelt, die derzeit mit dem hausarztzentrierten Vertrag in Baden-Württemberg mit der dortigen AOK erfolgreich umgesetzt wird. Eine intelligente Pauschalstruktur ermöglicht hierbei den Hausärzten, mehr Zeit und Ruhe für die Patienten zu haben, die sie benötigen.“
Der Vorstand der GEK, Rolf-Ulrich Schlenker, sieht in den Zahlen des Reports ebenfalls Handlungsbedarf. Es gebe zu viele und zu kurze Untersuchungen, daher müsse bezweifelt werden, ob bei jedem Arztbesuch das optimale Ergebnis erzielt werde. „Freie Arztwahl darf nicht zu Ineffizienz führen, wir müssen Doppeluntersuchungen vermeiden und unnötigen Arztbesuchen vorbeugen“, so Schlenker. Ebenso wie der Hausärzteverband setzt die GEK dabei auf flächendeckende, innovative Hausarztmodelle. Die Lotsenfunktion des Hausarztes müsse gestärkt werden und der Arzt von bürokratischem Aufwand entlastet werden.

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