Berlin - In Deutschland leben rund elf Millionen Patienten mit chronischen Schmerzen, ihre Versorgung war bisher nur ein Nischenthema. Das könnte sich jetzt ändern.
Grund dafür ist die neue Vergütungsvorschrift für Ärzte. Erstmals erhielt die Schmerztherapie ein eigenes Kapitel im Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM).
Jungck: Schmerzkranke und Schmerzärzte bisher im Stich gelassen
„Die Allgemeinheit nimmt die Betroffenen kaum wahr. Schmerzen sind Privatsache, das Aushalten wird erwartet. Die Gesundheitspolitik hat Schmerzkranke und Schmerzärzte bisher im Stich gelassen“, kritisiert Dr. Dietrich Jungck, Präsident des Berufsverbandes Deutscher Schmerztherapeuten, in seinem Bericht „Zur Lage der Schmerztherapie in Deutschland“.
Die von Jungck skizzierte Situation soll sich nach dem Bekunden der Politik und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) mit der Novellierung des EBM verbessern. Im Rahmen der Qualitätssicherungsvereinbarung zur schmerztherapeutischen Versorgung chronisch schmerzkranker Patienten nach Paragraph 135 Abs. 2 Sozialgesetzbuch (SGB) V wurden eine versorgungsspezifische Grundpauschale (EBM-Nr. 30700) und eine Zusatzpauschale (Nr. 30702) eingeführt. Neu ist auch, dass Praxen, die als Schmerztherapeutische Zentren anerkannt sind und weitergehende Anforderungen erfüllen, einen pauschalierten Zuschlag zur Vergütung erhalten. Damit soll die Bildung solcher Schwerpunktpraxen gefördert werden, die für die Versorgung von Schmerzkranken in hohen Chronifizierungsstadien erforderlich sind.
Die Änderungen im EBM führten nach Rückmeldungen einzelner Schmerzpraxen zu einem leichten Honoraranstieg. „Diese positiven Nachrichten lassen erwarten, dass es in Zukunft mit der qualifizierten Versorgung chronisch Schmerzkranker bergauf geht“, sagt Jungck. Doch es seien weitere Anstrengungen nötig, um essentielle Bestandteile der Schmerztherapie in den EBM aufzunehmen.
Der Patientenbrief hat zu dem Thema Dr. Marianne Koch, Präsidentin der Deutschen Schmerzliga, und Harry Kletzko, Vizepräsident, befragt.
Der Berufsverband Deutscher Schmerztherapeuten hofft, dass es mit der qualifizierten Versorgung chronisch Schmerzkranker bergauf geht. Als Grund dafür gibt er die Änderungen im EBM an. Teilen Sie diese Hoffnung?
Dr. Marianne Koch: Es ist in der Tat ein großer Fortschritt, dass die Schmerztherapie inzwischen als eine Notwendigkeit angesehen und bundesweit von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt wird. Die Bedeutung der Schmerzkrankheit und der Schmerztherapie wird inzwischen also auch von den politisch Verantwortlichen anerkannt. Für die Patienten ist dies bedeutsam: Ihr Recht auf Schmerzbehandlung wird gestärkt. Darum gehört es zu den Aufgaben der Deutschen Schmerzliga, mit dazu beizutragen, dass Patientinnen und Patienten besser über ihre Rechte informiert sind. Denn man kann ein Recht nur dann durchsetzen, wenn man weiß, dass man dieses Recht hat. Ebenso wichtig ist es, dass die Patienten informiert sind, welche diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten die moderne Schmerzmedizin bietet. Denn nur wer dieses weiß, akzeptiert nicht mehr kritiklos, was ihm geboten wird.
Allerdings sind die Begleitumstände der Schmerztherapie noch immer schwierig und die Patienten haben aus verschiedenen Gründen nach wie vor Probleme, eine kompetente Behandlung zu bekommen.
Welche Veränderungen sind darüber hinaus aus Ihrer Sicht notwendig, um die Situation der Schmerzpatienten in Deutschland nachhaltig zu verbessern?
Dr. Marianne Koch: Nach wie vor werden Millionen von Patienten aus vielerlei Gründen nicht ausreichend behandelt und versorgt, obwohl wirksame Therapien und Versorgungskonzepte zur Verfügung stehen. Ausbildungsdefizite der Ärzte sind eine Ursache. Die Diagnostik und Therapie von akuten und chronischen Schmerzen müssen in die Approbationsordnung als Pflichtfach aufgenommen werden. Nur dies gewährleistet, dass allen Ärzten in ihrem Studium die Grundlagen der Schmerzbehandlung fundiert vermittelt werden. Vor allem müssen die Ärzte darin geschult werden, Risikopatienten rechtzeitig zu erkennen und indikationsgerecht zu behandeln, damit Chronifizierungen möglichst vermieden werden.
Harry Kletzko: Hinzu kommen strukturelle Probleme im Gesundheitswesen. Es fehlen kreative Lösungen, wie man etwa durch eine intelligente Vernetzung und Verzahnung Geld sparen kann, ohne dass die Therapiemöglichkeiten der Ärzte beschnitten werden. Dafür gibt es gute Beispiele, etwa Projekte zur Integrierten Versorgung von Rückenschmerzpatienten, die gezeigt haben, dass eine frühzeitige und gute Behandlung nicht nur den Patienten nutzt, sondern dass auch die Krankenkassen davon profitieren. Wir brauchen mehr von solchen kreativen Lösungen, um bei der Patientenversorgung voranzukommen.
Wie werden sich Gesundheitsfonds und Morbi-RSA auf die Versorgung von Schmerzpatienten auswirken?
Harry Kletzko: Es ist ausgesprochen schwierig, Patienten mit chronischen Schmerzen im Rahmen der Regelversorgung adäquat zu versorgen. Darum bereitet es uns Sorgen, dass der chronische Schmerz bei der Zusammenstellung für den Morbi-RSA nicht berücksichtigt wurde. Krankenkassen, die Schmerzpatienten gut behandelt sehen wollen, werden dafür keine finanzielle Unterstützung bekommen. Damit laufen Schmerzpatienten wieder einmal Gefahr, benachteiligt zu werden.
Der Bericht „Zur Lage der Schmerztherapie in Deutschland“ kann im Internet herunter geladen werden: www.vdaea.de (PDF)
Weitere Informationen: www.schmerzliga.de