Berlin - Experten warnen: Nur rund zehn Prozent der Betroffenen werden fachgerecht behandelt, nur in der Hälfte der Fälle wird die Krankheit überhaupt erkannt.
Vertreter der European Depression Association und der Stiftung Deutsche Depressionshilfe schildern auf einer Pressekonferenz anlässlich des 5. Europäischen Depressionstages gravierende Versorgungsprobleme.
Volkskrankheit Depression
Depression ist eine Volkskrankheit, die mit mehr Leidensdruck einhergeht als jede andere Krankheit, so Prof. Ulrich Hegerl, Vorstandvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Die Todesrate durch Suizid übertreffe die Zahlen der Toten durch Autounfälle, Drogen, AIDS und Morde zusammengerechnet bei weitem. Ein Suizid sei aber in den seltensten Fällen ein Freitod, betont Hegerl, sondern zurückzuführen auf eine schwere depressive Erkrankung. „Mit einer herbstlichen Melancholie hat dies nichts zu tun“, sagt der Mediziner. „Das ist ein innerlich kalter, toter Zustand.“ Dieser kann unvermittelt auftreten und jeden treffen, aber auch erfolgreich behandelt werden.
Selbsthilfe in Kombinationsbehandlungen einbeziehen
Man müsse sich über die verschiedenen Stadien einer Depression im Klaren sein und sich keiner Behandlungsoption verschließen, ergänzt Hinderk Emrich, emeritierter Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover. Dies gelte auch für Antidepressiva, gegen die es starke Vorbehalte wegen ihrer manipulativen Wirkung gebe. Die Komplexität der Erkrankung verlangt nach einer individuellen, abgestimmten Mischung aus verschiedenen Behandlungsmethoden. Neben psychotherapeutischer Gesprächstherapie und medikamentösen Behandlungen gibt es inzwischen auch eine Reihe alternativer Methoden wie Licht- und Bewegungstherapie. Prof. Dr. Manfred Wolterdorf aus Bayreuth fordert deshalb mehr Kombinationsbehandlungen, in die auch das soziale Umfeld und die Selbsthilfe mit eingebunden werden müssten.
Strukturelle Probleme bei den Ärzten
Auch das ärztliche Umfeld ist optimierungswürdig, wie Prof. Hegerl herausstellt. „Wir haben in Deutschland ein im EU-Vergleich gutes Behandlungssystem, doch es gibt noch immer strukturelle Hemmnisse.“ Er nennt die schlechte Vergütung für Psychotherapeuten, starre und bürokratische Richtlinientherapien sowie eine fehlende Zusammenarbeit zwischen Hausärzten, Psychiatern und Psychotherapeuten als Gründe für die niedrige Quote an passgerechten Behandlungen. Derzeit werden nur 20 Prozent der Depressionskranken, die einen Arzt aufsuchen, adäquat behandelt, so die Experten. Auf ein weiteres Problem, das Patientenverhalten selbst, weist Hegerl hin: Depressive Menschen hätten oft eine nicht funktionierende Selbstwahrnehmung, wollten andere nicht mit ihrem Leiden belasten und gingen deshalb auch oft nicht zum Arzt.
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Ursachen unklar
Erklärungen für das Auftreten von Depressionen sind rar. Wissenschaftler weisen auf genetische Veranlagungen hin, auch psychosoziale Auslöser sind mögliche Ursachen. Eine konkrete Situation, etwa ein persönlicher Schicksalsschlag oder finanzielle Probleme, kann das Fass zum Überlaufen bringen. Doch Depressionen brauchen nicht immer einen äußeren Auslöser, weshalb Mediziner bei der Ursachenforschung sehr vorsichtig geworden sind. Treffen kann es jeden, zu jeder Zeit.