Patientenbrief

Juni 2008

PATIENTENUNI
„Die Kurse sind immer voll“

Berlin/Hannover - Patienten an der Universität – klappt das? Der Patientenbrief hat bei Prof. Marie-Luise Dierks, Initiatorin der ersten Patientenuni Deutschlands, nachgefragt.

War es ein mühsamer Prozess, bis das Projekt in Hannover an den Start gehen konnte? Mussten Sie viele Skeptiker überzeugen?
Dierks:
Ganz im Gegenteil! Die Idee, die Gesundheitskompetenz von Bürgerinnen und Bürgern zu verbessern, wurde beispielsweise innerhalb der Medizinischen Hochschule sehr positiv aufgenommen. Viele klinische Abteilungen unterstützen uns, arbeiten bei den Veranstaltungen mit und bringen ihre Kompetenzen ein. Auch Ärzte und Krankenkassen in der Region schätzen die Initiative als sinnvolle und nützliche Aktivität.

Mittlerweile läuft die Patientenuniversität seit mehreren Monaten. Wie wird das Angebot angenommen? Sind die Kurse voll?
Dierks:
Die bisherigen Kurse sind immer voll, alle 350 Studienplätze der laufenden Reihe – die Sinnesorgane, das Hormon- und das Immunsystem des Menschen – sind komplett vergeben, auf der Warteliste für neue Angebote stehen inzwischen mehr als 500 Interessenten.

Welche Bevölkerungsgruppe ist vor allem daran interessiert, sich medizinisches Grundwissen anzueignen?
Dierks:
Unsere Teilnehmer kommen aus allen Bevölkerungsschichten und allen Altersgruppen. Besonders interessiert sind Menschen der zweiten Lebenshälfte, aber wir haben auch Schüler und manchmal ganze Schulklassen dabei.

Wie ist die Resonanz bei den Studierenden, die den Bürgern Anatomie etc. beibringen?
Dierks:
Die Medizinstudenten, die als Tutoren an den Lernstationen fungieren, sind mit hohem Engagement dabei, manche jetzt schon im zweiten Jahr – und wir bilden jedes Halbjahr neue Tutoren aus. Die Studenten erleben sich in einer ganz neuen Rolle, sie lernen, mit Bürgern in deren Sprache zu sprechen und das medizinische Wissen laiengerecht zu vermitteln.

Auch Patientenvertretern vermitteln Sie ein breites Themenspektrum: Von den Strukturen des Gesundheitswesens, Finanzierungsfragen und rechtlichen Grundlagen bis hin zu „Patientenvertreter als Führungskräfte“. Was stößt auf besonderes Interesse?
Dierks:
Bislang wurden die Themen „Management im Gesundheitswesen“, „Gesundheitsökonomie“ und „Grundlagen der sozialen Sicherung“ besonders häufig belegt.

Kommen von den Patientenvertretern Vorschläge für weitere Themen? Wenn ja, welche und werden Sie diese berücksichtigen?
Dierks:
Ja, es kommen Vorschläge, die für die weitere Planung berücksichtigt werden. Diese betreffen vor allem evidenzbasierte Medizin und auch das Thema Bedarfsplanung.

Erreichen Sie mit den Fortbildungen zur „Systemkompetenz“ die Zielgruppe? Wie viele Patientenorganisationen haben bereits die Kurse besucht? Sind die Kursteilnehmer zufrieden, wo signalisieren sie Verbesserungsbedarf?
Dierks:
Das haben wir bislang nicht systematisch erfasst. Wir sind zurzeit mit dem Angebot auf den Raum Hannover konzentriert, das schränkt den Kreis der Teilnehmer entsprechend ein.

Ist der Standort Hannover bei den Fortbildungen ein Nachteil? Gibt es Überlegungen, wie dies kompensiert werden könnte – beispielsweise durch Online-Module?
Dierks:
Wir bieten derzeit keine Online-Module an.

Gibt es eigentlich schon Nachahmer Ihrer Idee? Planen auch andere Universitäten in Deutschland, Patienten zu schulen?
Dierks:
Wir wissen von einigen Initiativen, kennen aber noch keine konkrete Umsetzung.

Wer ist dabei involviert?
Dierks:
Namen möchte ich keine nennen, und zwar weil die Initiativen bisher nicht spruchreif sind.


Die Patientenuniversität
Im Herbst 2006 hat Deutschlands erste Patientenuniversität ihre Pforten geöffnet. Die unabhängige Bildungseinrichtung an der Medizinischen Hochschule Hannover will Kompetenz im Umgang mit Krankheit und Gesundheit fördern. Außerdem soll dort die „Systemkompetenz“ von Patientenvertretern geschult werden. Geleitet wird die Patientenuniversität von Prof. Marie-Luise Dierks und Prof. Friedrich Wilhelm Schwartz.

Weitere Informationen unter www.patienten-universitaet.de

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