Berlin - Wie funktioniert Patientencoaching? Prof. Gisela Fischer, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Gesundheit, sagt: „Der Ansatzpunkt dafür ist, dass jeder Krankheitsverlauf ein absolut individuelles Geschehen ist.“
Fischer ist Medizinerin und saß bis zum vergangenen Jahr im Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. Auf einer Veranstaltung der Gesellschaft für bürgerorientierte Versorgung betont sie: „Patientencoaching ist keine neumodische Begriffsbildung, sondern eine Notwendigkeit zur Verbesserung der Gesundheitschancen unserer Patienten.“ Es könne nicht nur einen wertvollen Beitrag zur individuellen Gesundheit leisten, sondern grundsätzlich die Effizienz und Qualität der Versorgung steigern. Notwendige Voraussetzung dafür: Das Coaching muss als eigenständige Leistung anerkannt werden, so die Medizinerin. Wichtig sei ferner, dass für die Patienten ein konstanter Ansprechpartner zur Verfügung stehe, der ihn in die verschiedenen Sektoren des Gesundheitswesens begleite. „Die Zersplitterung der Versorgung darf sich nicht auf der persönlichen Ebene fortsetzen.“
Der Patient wird kompetent gemacht
Doch bei welchen Themen kann der Coach den Patienten überhaupt unterstützen? Dr. Stefan Etgeton vom Verbraucherzentrale Bundesverband nennt auf der Tagung der Gesellschaft folgende Optionen:
Grundsätzlich gehe es darum, dass der Coach den Patienten kompetent mache, um eigene Belange und Interessen wahrzunehmen. Patientenführung will er mit diesem Modell auf keinen Fall verbunden sehen, das atme den Geist des paternalistischen Arzt-Patienten-Modells. Stattdessen vergleicht Etgeton den Coach lieber mit einem Fahrlehrer. „Der fährt mit, tritt im Notfall auf die Bremse, übt eine Schutzfunktion aus und entlässt den Schüler auch irgendwann.“
Zwei Krankenkassen erproben bereits das Modell
In der Praxis wird das Konzept bereits umgesetzt: Seit einigen Monaten bieten die Kaufmännische Krankenkasse (KKH) und die Deutsche Angestellten Krankenkasse (DAK) ihren Versicherten ein „Gesundheitscoaching“ bzw. ein „ganzheitliches Betreuungsprogramm“ an. Beide Namen beschreiben den gleichen Ansatz: Am Telefon sprechen Beratungskräfte mit den Versicherten, meist chronisch Kranken, über ihre Gewohnheiten, ihre Therapien und ihr Befinden. Dadurch soll bei ihnen das Bewusstsein für den Umgang mit der eigenen Krankheit geschärft, eine Eskalation der Erkrankung verhindert werden. Bei der KKH sind es die Kassenmitarbeiter selbst, die die Patienten anrufen, die DAK hat dafür das Unternehmen Healthways beauftragt. Offenbar kommt der Service gut an, das zumindest legen die Einschreibezahlen nahe: 1.000 KKH-Versicherte haben sich in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen eingeschrieben, in Bayern sind es rund 700. Die KKH ist mit dem Ergebnis ebenso zufrieden wie die DAK. Die Bilanz der Angestellten Krankenkasse: In Baden-Württemberg nutzen 5.000 Versicherte das Angebot, in Bayern sind es 10.000.
Auch Versorgungsnetze haben Interesse
Nicht nur Versicherungen setzen auf Patientencoaches. Auch das in München und Oberbayern ansässige Versorgungsnetz „Patient-Partner-Verbund“ (260 Haus- und Fachärzte) will künftig solche Berater einsetzen. Netzmanager und Allgemeinmediziner Dr. Elmar Schmid kündigt kürzlich auf einem Kongress in Berlin an: „Wir planen für 2008 vier Coaches anzustellen, zwei befinden sich zur Zeit in Ausbildung“. Zu deren Aufgaben werden unter anderem gehören: Terminorganisation, Angehörigeneinbindung, Formularunterstützung, Schulungsvermittlung.
Was macht der Patientencoach, was der Casemanager?
Patientencoach und Casemanager werden oft in einem Atemzug genannt. Dabei unterscheiden sich ihre Aufgaben durchaus von einander. Dr. Klaus Meyer-Lutterloh von der Deutschen Gesellschaft für bürgerorientierte Gesundheitsversorgung definiert die beiden Konzepte wie folgt: „Der Coach fördert die Patientenkompetenz zum Selbstmanagement, während der Casemanager die Lotsenrolle im Behandlungsprozess übernimmt.“
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