Patientenbrief

April 2008

LITERATURTIPP
Von anderen lernen

Berlin - Erfahrungen und Anregungen zu Kooperationen zwischen Selbsthilfe und Ärzten können im Jahrbuch der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen nachgelesen werden.

„Nirgends sonst wird unsere ärztliche Rolle so auf den Prüfstand gestellt wie in der Zusammenarbeit mit Selbsthilfegruppen und Angehörigengruppen. Durch die Begegnung auf Augenhöhe, durch die statusgleiche Gesprächsatmosphäre müssen wir bestimmte, teilweise eingespielte Verhaltensweisen, welche wir uns als Attribute der ärztlichen Rolle zugelegt haben, hinterfragen oder ablegen. Wir werden hingeführt zu einem ehrlichen, offenen, empathischen und wertschätzenden Umgang miteinander.“

Finkbeiner: mit der Selbsthilfe Krankenhausstruktur reformiert
Dass der „wertschätzende Umgang“ zwischen Ärzten und Selbsthilfe keine Selbstverständlichkeit ist, sondern oft mühsam erlernt werden muss, schildert der Psychiater Thomas Finkbeiner offen in seinem Beitrag für das Selbsthilfegruppenjahrbuch 2007. Den Umgang mit den Gruppen lernen Mediziner eben nicht im Studium. Finkbeiner zeigte sich nach Anfangsschwierigkeiten jedoch offen für Kooperationen. Eine konkrete Folge: Die Zusammenarbeit mit der Selbsthilfegruppe für Depressionen hatte „entscheidenden Anteil“ daran, dass die Struktur der von ihm geleiteten Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie am Evangelischen Krankenhaus Lütgendortmund verändert wurde. Die beiden großen Stationen wurden aufgeteilt in vier kleinere Stationen. Jede Station erhielt einen Kompetenzschwerpunkt. Das Fazit des Chefarztes: „Aufgrund dieser konstruktiven Zusammenarbeit mit einer Selbsthilfegruppe wurde eine entscheidende Entwicklung unserer Abteilungsstruktur mit hoher Priorität, rasch und zügig umgesetzt.“

Bobzien: Kooperation im Zeichen eines Qualitätssiegels
Mit der Vergabe des „Qualitätssiegels Selbsthilfefreundliches Krankenhaus“ wollte die Kontakt- und Informationsstelle (KISS) Hamburg die Zusammenarbeit zwischen Selbsthilfe und stationärer Versorgung gezielt und auf verbindliche Weise fördern. Über die Erfahrungen des Modellprojekts berichtet Monika Bobzien ebenfalls im Selbsthilfejahrbuch 2007.
Als Orientierung für die Ausgestaltung der Zusammenarbeit dienten in der Hansestadt acht Qualitätskriterien. Sie reichen von der Ernennung eines Selbsthilfebeauftragten seitens des Krankenhauses bis hin zur Einbeziehung von Betroffenen in die Fort- und Weiterbildung der Klinikmitarbeiter. Bobzien betont, dass diese Kriterien nicht unkritisch übernommen werden sollten. Sie illustrierten lediglich, was ein Krankenhaus bzw. eine Fachabteilung zur Entwicklung der eigenen Selbsthilfefreundlichkeit tun könne. Die Kapazitäten auf beiden Seiten, die spezifische Kultur des Krankenhauses und andere lokale Besonderheiten müssten unbedingt berücksichtigt werden.

Harte Arbeit und neue Ideen
Für das Hamburger Projekt zieht Bobzien ein gemischtes Resumée: Viele Ergebnisse konnten „erst nach jahrelanger ebenso geduldiger wie nachdrücklich verfolgter Zusammenarbeit zwischen einzelnen Beteiligten erreicht“ werden. Aber: „Die vorgelegten Qualitätskriterien zur Selbsthilfefreundlichkeit haben auch bewirkt, auf neue und ermutigende Weise miteinander ins Gespräch zu kommen. So haben die Kooperationspartner im Modellprojekt darin neue Ideen und konkrete Anregungen gefunden, wie sich auch bereits langjährig bestehende Kooperationen künftig verbessern und weiter entwickeln lassen.“

Die Beiträge von Monika Bobzien und Thomas Finkbeiner können im Internet nachgelesen werden: www.dag-selbsthilfegruppen.de.
Auch in den Selbsthilfejahrbüchern älteren Datums finden sich interessante Anregungen für Kooperationen zwischen Ärzten und Selbsthilfe.

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