Patientenbrief

April 2008

INTERVIEW LITSCHEL
„Versorgung mit Patienten planen“

Berlin - Was sollten Selbsthilfeorganisationen beim Umgang mit Ärzten beachten? Der Patientenbrief hat bei Dr. Adela Litschel von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) nachgefragt.

Die Ärztin und Diplom-Sozialpädagogin hat von 1999 bis 2005 die Kooperationsstelle für Selbsthilfeorganisationen aufgebaut. Seit 2006 arbeitet sie in der KBV-Stabsstelle Patientenorientierung.

Was sollten Selbsthilfegruppen und -organisationen beim Umgang mit Ärzten beachten?
Litschel: Kooperationen mit der Selbsthilfe werden von niedergelassen Ärzten gewünscht, allerdings bestimmen die unterschiedlichen Fachrichtungen auch unterschiedliche Kooperationswünsche. So liegt es nahe, dass Ärzte, die viele chronisch kranke und behinderte Menschen behandeln wie Hausärzte, Kinderärzte oder internistische Rheumatologen, offener gegenüber Kooperationen mit der Selbsthilfe sind als Radiologen und Neurochirurgen.¹ Vielen Ärzten fehlt noch das Wissen darüber, was Selbsthilfe auszeichnet und leistet. An dieser Stelle kann die Selbsthilfe mit Informationen weiter helfen. Beachten müssen Selbsthilfe und Ärzte den Zeitrahmen, in dem beide Seiten arbeiten. Bei niedergelassenen Ärzten ergibt sich die Termindichte durch Praxis- und Weiterbildungszeiten. Von daher sind klare und verbindliche Absprachen zwischen beiden wichtig. Hier können die Kooperationsberatungsstellen (KOSA) der KVen und die Selbsthilfekontaktstellen weiter helfen.

Wie lassen sich gegenseitige Vorurteile und Barrieren am besten abbauen?
Litschel: Die Erfahrung aus der Kooperationspraxis zeigt, dass Ärzte, die bereits kooperieren, eine positivere und offenere Haltung gegenüber der Selbsthilfe entwickeln als kooperationsunerfahrene Ärzte. Trotzdem zeigen die Ergebnisse zahlreicher Studien, dass eine große Diskrepanz zwischen Kooperationsbereitschaft und tatsächlicher Kooperation besteht.² Gründe hierfür sind sicherlich der bereits beschriebene Zeitmangel und Informationsdefizite, aber auch Vorurteile und Ängste auf beiden Seiten. Diese Barrieren lassen sich nur durch konkrete Begegnungen und durch Erfahrungen in gemeinsamen Projekten oder Veranstaltungen überwinden. Beiden Partnern muss der konkrete Nutzen der Kooperationsbeziehungen erkennbar sein. Beispielsweise gewinnen Ärzte dadurch einen Nutzen, indem sie durch die Kooperation mit der Selbsthilfe Krankheitsbewältigungsstrategien erfahren, neue Kommunikationsmuster lernen, Kooperationspartner kennenlernen und Rückmeldungen über ihre Therapieerfolge erhalten. Kooperation kann in so einem Fall eine sehr direkte Form der Qualitätssicherung sein.

Was unternehmen KVen bzw. die KBV, um mehr Patientenorientierung im System zu etablieren? Welche Maßnahmen haben sich als erfolgreich erwiesen, welche stoßen auf wenig Resonanz?
Litschel: Patientenbeiräte, Patienten-Newsletter, gemeinsame Kooperationstagungen, telefonische Patientenberatungen und Informationsveranstaltungen sind nur einige der zahlreichen Aktivitäten, mit denen die KBV und die KVen erfolgreich Maßnahmen der Patientenorientierung umsetzten. Diese Maßnahmen werden durch die Stabsstelle Patientenorientierung der KBV unterstützt und beworben. Nach dem Motto „bessere Versorgung nicht mehr nur für, sondern auch mit dem Patienten zu planen“ werden Selbsthilfeorganisationen in die Arbeit der Vertragswerkstatt der KBV einbezogen. Diese soll besondere Versorgungsaufträge entwickeln. Mithilfe von Befragungen werden Versicherte nach deren Erfahrung mit der ambulanten medizinischen Versorgung gefragt. Eine erste Versichertenbefragung wurde 2006 (www.kbv.de//8700.html) durchgeführt, eine zweite ist für diesen Sommer geplant.

„Es kommt nicht nur darauf an, dass man etwas macht, sondern auch wie“, mahnte Prof. Rolf Rosenbrock kürzlich auf einer KBV-Veranstaltung zu Patientenorientierung an. Wie reagieren Sie auf die Kritik, dass Beiräte, KOSA etc. nur „Feigenblatt“-Aktionen sein könnten, da die Interessen der KVen nicht notwendigerweise deckungsgleich mit denen von Patienten- und Selbsthilfeorganisationen sein müssen?
Litschel: Natürlich sind die Interessenlagen nicht gleich. Das müssen sie auch gar nicht sein. Wichtig ist zunächst einmal, die Positionen des anderen zu kennen. Und bei diesen Positionen gibt es einige, wenn nicht sogar viele Schnittmengen. Alle Maßnahmen der Patientenorientierung – und dazu gehören auch alle Qualitätssicherungsmaßnahmen der KBV und der KVen – haben das gemeinsame Ziel, trotz erschwerter gesundheitspolitischer Bedingungen die ambulante medizinische Versorgung zu verbessern. Und genau an dieser Stelle überschneiden sich die Interessen des KV-Systems mit denen der Patienten- und Selbsthilfeverbände.


¹ Im „Kooperationshandbuch – ein Leitfaden für Ärzte, Psychotherapeuten und Selbsthilfe“, Hrsg. Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung, Wissenschaftliche Reihe Bd. 58 sind die langjährigen Erfahrungen der Kooperationsberaterinnen der Kassenärztlichen Vereinigungen und der KBV ausführlich beschrieben.

² Slesina, Kerr 2007: „Zusammenarbeit von Ärzten und Selbsthilfegruppen – Formen, Nutzen, Wünsche“, Bogenschütz 2002 (unveröffentlichte Daten), Litschel 2004:„Nutzen der Selbsthilfe für den niedergelassenen Vertragsarzt – am Beispiel der Rheumatologen“ 2004

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