Patientenbrief

April 2008

AMBULANTE KOOPERATION
Versorgungszentren auf dem Vormarsch

Berlin - Medizinische Versorgungszentren, in denen verschiedene Niedergelassene unter einem Dach arbeiten, sollen Patienten eine Versorgung aus einem Guss ermöglichen. Das Konzept kommt an.

In Berlin gibt es bereits über 100 solcher medizinischen Versorgungszentren, kurz MVZ. Erst kürzlich wurde im Berliner Stadtteil Marzahn-Hellersdorf das 100. Zentrum mit dem Namen „Mediplus“ eingeweiht. Es ist noch verhältnismäßig klein, zunächst arbeiten dort nur ein Internist und ein Augenarzt. Weitere Fachrichtungen sollen in den nächsten sechs Monaten dazukommen. Ganz anders sieht es dagegen im bereits 2005 eröffneten „Polikum“ aus. Am Standort in Berlin-Friedenau arbeiten über 40 Haus-, Zahn- und Fachärzte, Physiotherapeuten, Ernährungs- und Gesundheitstrainer zusammen.

Versorgungsanteil liegt bei zehn Prozent
Versorgungszentren wie das „Polikum“ oder „Mediplus“ decken in der Hauptstadt bereits einen Anteil von zehn Prozent der ambulanten Versorgung ab. In drei bis vier Jahren könnte der Anteil sogar bei 15 bis 20 Prozent liegen, glauben Experten. Bei den Medizinischen Versorgungszentren steht die Idee der koordinierten Behandlung aus einer Hand im Mittelpunkt. Ärzte – Allgemeinmediziner, Internisten, Chirurgen bis hin zu Gynäkologen und Zahnärzten – arbeiten unter einem Dach zusammen. Auch Apotheken und Physiotherapeuten können mit einem MVZ kooperieren. Für den Patienten bedeutet das: kurze Wege und – im Idealfall – auch kürzere Wartezeiten. Ferner sollen Doppeluntersuchungen vermieden und die Arzneimitteltherapie besser abgestimmt werden.

Vorbild: ostdeutsche Polikliniken
Die Versorgungszentren stehen in der Tradition der ostdeutschen Polikliniken, die einen vergleichbaren Versorgungsansatz verfolgten und tragende Säulen der ambulanten Versorgung in der DDR waren. Eine wichtige Voraussetzung für das „Comeback“ unter neuen Vorzeichen war die Gesundheitsreform 2004. Mit dem GKV-Modernisierungsgesetz wurden die rechtlichen Voraussetzungen dafür geschaffen, dass MVZ an der ambulanten Versorgung der gesetzlichen Krankenversicherung teilnehmen können. Die „neue“ Versorgungsform setzt sich mittlerweile immer mehr durch. Bundesweit gibt es bereits rund 900 solcher Zentren. Die meisten sind – laut Bundesverband Medizinischer Versorgungszentren – in Bayern und Berlin beheimatet. „MVZ sind nicht mehr etwas Obskures, sondern eine Selbstverständlichkeit“, sagt Verbandsvize Dr. Bernd Köppl auf einer Pressekonferenz in Berlin. Der Mediziner glaubt, dass die Zentren die ambulante Versorgung nachhaltig verändern werden und preist deren Vorzüge an: „Die Versorgung wird integrierter, sie wird im MVZ für den Patienten organisiert.“ Dies sei vor allem für chronische Patienten wie Diabetiker wichtig, die regelmäßig verschiedene Ärzte aufsuchen müssten.

Politische Befürworter
Rückendeckung bekommt diese besondere Praxisform von der Politik. MVZ seien die adäquate Antwort auf die Herausforderungen des Gesundheitswesens, sagt beispielsweise die Berliner Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Die Linke). Die Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Helga Kühn-Mengel (SPD), betont auf einer Veranstaltung der Stiftung Praxissiegel in Berlin, dass sich Patienten eine Vernetzung der Leistungserbringer wünschten. Die Politikerin ist davon überzeugt, dass eine integrierte Versorgung höhere Qualität ermögliche. Kühn-Mengel: „Die Ärzte stimmen sich zum Wohle des Patienten ab, die Behandlung ist idealerweise stärker koordiniert, der Informationsfluss besser.“ Die Patienten müssten ihre Krankengeschichte nicht immer wieder von neuem erzählen – Missverständnisse würden vermieden. „Die Ärzte werden von Verwaltungsaufgaben entlastet und können sich dadurch ganz ihrer medizinischen Tätigkeit und den Patienten widmen“, sagt die Patientenbeauftragte. Auch die Bertelsmann Stiftung hat die
Bedeutung der neuen Praxisart erkannt. Sie startet ein Projekt zum Qualitätsmanagement (QM) in der Integrierten Versorgung. Dabei werden unter anderem Qualitätsindikatoren für MVZ entwickelt. Die Zentren sollen damit ihre internen Prozesse besser steuern und die Qualität für Patienten langfristig sichtbar machen.



Was ist ein MVZ?
MVZ sind Einrichtungen für eine ambulante und übergreifende Zusammenarbeit von Ärzten unterschiedlicher Fachrichtungen. Ausschlaggebend ist, dass ein gemeinsamer Träger die Einrichtung verwaltet, eine ärztliche Leitung die Führung der Mediziner übernimmt, und dass das MVZ unter einer Adresse firmiert. Die ärztliche Versorgung muss durch mindestens zwei Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen oder unterschiedlicher Versorgungsformen gewährleistet sein. Es sollten also ein Hausarzt, ein Facharzt und/oder ein Psychiater oder Psychotherapeut in einem MVZ arbeiten. Möglich ist dies als angestellter Arzt oder als Vertragsarzt. Aber auch Physiotherapeuten, andere nicht-ärztliche Heilberufe wie Mitarbeiter eines Sanitätshauses, eines Orthopädiefachgeschäftes sowie Apotheker und Pflegedienstmitarbeiter können mit einem MVZ kooperieren.

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