Berlin - Der neueste Bericht zur „Qualität in der ambulanten und stationären Pflege“ beweist: In der Pflege liegt einiges im Argen.
Der Bericht stammt aus der Feder des Medizinischen Dienstes der Spitzenverbände der Krankenkassen (MDS) und ist die zweite umfassende Qualitätsanalyse der Pflege. Premiere war 2004. Dem aktuellen Report zufolge haben zehn Prozent der untersuchten Heimbewohner im ersten Halbjahr 2006 durch unsachgemäße Pflege Gesundheitsschäden erlitten. Sie befanden sich in einem akut unzureichenden Pflegezustand, untersucht wurden u.a. Haut- und Mundzustand, Versorgung mit Sonden, Kathetern und Inkontinenzprodukten. Im ambulanten Bereich liegt der Anteil von Personen mit unangemessenem Pflegezustand bei 5,7 Prozent. „Die Pflege hat nach wie vor ein Qualitätsproblem“, gibt MDS-Geschäftsführer Dr. Peter Pick bei der Vorstellung des Berichts zu. Doch er verweist auch auf Fortschritte: Im Vergleich zum ersten Bericht seien bei wichtigen Versorgungskriterien Fortschritte eingetreten – allerdings war das Ausgangsniveau zum Teil recht niedrig.
Einige Daten im Überblick
Bei Empfehlungen für Pflege-Einrichtungen sollte man sich übrigens nicht ausschließlich von Zertifikaten leiten lassen: „Ein Zertifikat ist keine Garantie dafür, dass die Versorgungsqualität wirklich gut ist, zum Teil zeigen zertifizierte Einrichtungen sogar schlechtere Ergebnisse“, warnt Jürgen Brüggemann, Leiter Qualitätsmanagement Pflege beim MDS. Auch müssten teure Dienste nicht unbedingt besser sein. „Einen Zusammenhang zwischen Kosten und Qualität stellen wir in unserem Bericht nicht fest“, so Brüggemann.
Schmidt will Expertenkommission einsetzen
209 Seiten lang ist der Bericht der MDS, die Datenbasis: 3.736 ambulante und 4.215 stationäre Prüfungen. In Medien und Politik sorgte er für Furore: So will Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) eine neue Sachverständigenkommission einsetzen, die Konzepte zur Qualitätssteigerung in der Pflege erarbeiten soll. Andere Politiker fordern gar eine Art „Pflege-TÜV“ (siehe unten). Dr. Werner Gerdelmann, Vorstandsvorsitzender des Verbandes der Angestellten- und der Arbeiter-Ersatzkassen, meint: „Das Ausmerzen von schwarzen Schafen müssen wir schneller und effektiver hinbekommen.“
Reaktionen auf den MDS-Bericht
Politiker aus Union und SPD haben sich als Reaktion auf den MDS-Bericht für einen „Pflege-TÜV“ stark gemacht. Zu den Befürwortern zählen unter anderen SPD-Parteivize Elke Ferner und der Gesundheitsexperte der Sozialdemokraten Prof. Karl Lauterbach. Seitens der Union bringt der Bundestagsabgeordnete und Pflegeexperte Willi Zylajew „eine Art Stiftung Warentest für Pflegeheime und ambulante Dienste“ ins Spiel. MDS-Geschäftsführer Dr. Peter Pick hält dagegen: „Wir brauchen keinen Pflege-TÜV – diese Diskussion ist völlig überflüssig.“ Er fordert stattdessen eine Veröffentlichung der Qualitätsprüfungen des Medizinischen Dienstes, „damit die Menschen sich über die Pflegeeinrichtungen informieren können.“ Auch die private Krankenversicherung (PKV) will in Sachen Qualitätstransparenz die Initiative ergreifen: Auf einer Internet-Plattform sollen konkrete Erfahrungen über Heime hinterlegt und von jedermann eingesehen werden können. „Wir sind der festen Überzeugung, dass dies neben der unabweisbar wichtigen Veröffentlichung von Qualitätsberichten ein bedeutender Baustein zur Verbesserung der Qualität in deutschen Heimen werden kann“, meint PKV-Verbandsdirektor Volker Leienbach.
Der MDS-Bericht kann im Internet herunter geladen werden:
www.mds-ev.de