Patientenbrief

Mai 2007

DARMKREBSFRÜHERKENNUNG
In welchem Alter sollten Screening-Programme starten?

Berlin - Eine Koloskopie kann Leben retten. Für alle gesetzlich Krankenversicherten in Deutschland werden die Kosten dafür ab dem 55. Lebensjahr übernommen. Mindestens zehn Jahre nach der Erstuntersuchung besteht ein Anspruch auf eine zweite Darmspiegelung. Dies gilt für Männer wie Frauen. Neueste Daten aus dem Deutschen Krebsforschungszentrum werfen nun Zweifel auf, ob in diesem Fall die pauschale Gleichbehandlung von Männern und Frauen sinnvoll ist.

Anhand US-amerikanischer Daten prüften Wissenschaftler die Darmkrebs-Neuerkrankungsrate beider Geschlechter in verschiedenen Lebensjahrzehnten: So erkranken 0,8 Prozent aller Männer in den zehn Jahren nach ihrem 50. Geburtstag an Darmkrebs, im Jahrzehnt nach dem 55. sind es bereits 1,2 Prozent, im Jahrzehnt nach dem 60. Geburtstag 1,9 Prozent. Die Frauen erreichten vergleichbare Neuerkrankungsraten dagegen erst mit 54, 60 bzw. 66 Jahren. Ähnliche Verhältnisse ergaben sich, als die Epidemiologen die Sterblichkeitsraten in den USA unter die Lupe nahmen: So verstarben in den zehn Jahren nach ihrem 50. Geburtstag 0,23 Prozent der Männer an Darmkrebs, im Jahrzehnt nach dem 55. waren es 0,39 Prozent und in dem Jahrzehnt nach dem 60. Geburtstag bereits 0,63 Prozent. Wiederum erreichten Frauen diese Sterblichkeitsraten erst in den Jahrzehnten nach ihrem 54., 60. bzw. 66. Geburtstag, also wieder vier, fünf und sechs Jahre später.

Kein amerikanisches Phänomen
Um zu prüfen, ob es sich dabei um ein rein amerikanisches Phänomen handelt, berechneten die Epidemiologen die Darmkrebs-Sterblichkeit für die drei Lebensjahrzehnte in elf Ländern rund um den Globus. Es bestätigte sich auch international, dass Frauen erst fünf, sechs bzw. sieben Jahre später die Sterblichkeitsraten der männlichen Bevölkerung erreichen. „Diese Ergebnisse sprechen sehr dafür, Darmkrebs-Screeningprogramme bei Männern und Frauen in unterschiedlichem Alter zu starten. Denkbar wäre, das Screeningalter der Männer vorzuverlegen, bei Frauen erst später zu starten oder eine Kombination beider Möglichkeiten“, erläutert Prof. Hermann Brenner vom Deutschen Krebsforschungszentrum.

Darmkrebs: weltweit dritthäufigste Krebserkrankung
Schätzungen gehen heute von mehr als einer Million Darmkrebs-Neuerkrankungen und rund 500.000 Darmkrebs-bedingten Todesfällen aus. Damit ist Darmkrebs weltweit die dritthäufigste Krebserkrankung, bei den Krebstodesursachen liegt er an vierter Stelle. In Deutschland ist Darmkrebs mittlerweile für beide Geschlechter die zweithäufigste Krebslokalisation. Rund 70.000 Menschen erkranken jährlich daran.

Literaturhinweis: Hermann Brenner, Michael Hoffmeister, Volker Arndt und Ulrike Haug: Gender differences in the epidemiology of colorectal cancer: implications for age at initiation of screening. British Journal of Cancer, 2007, 96, 828-831 . doi:10.1038/sj.bjc.6603628

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