Patientenbrief

Juni 2007

TELEMATIK
Die Grenzen von Datenautobahnen

Berlin - „Eine leistungsfähigere grenzüberschreitende Gesundheitsversorgung mit mehr Sicherheit für die Patienten“, das erhofft sich Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt von elektronischen Gesundheitsdiensten. Bei der von Schmidt eröffneten „eHealth Conference 2007“ wurde jedoch klar: Bislang kocht jeder Staat sein eigenes Süppchen, die verschiedenen Initiativen unter ein europäisches Dach zu bringen, wird keine leichte Aufgabe.

Die Konferenz ist eine Bestandsaufnahme: Wo stehen die europäischen Länder mit ihren elektronischen Gesundheitsdiensten? Und wie lassen sich die nationalen Grenzen der Datenautobahnen überwinden? Dr. Klaus Theo Schröder, Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, vergleicht Europa in puncto eHealth mit Polynesien – ganz viele einzelne Inseln. „Die verschiedenen Systeme können nicht miteinander reden.“ Interoperationalität lautet der Schlüsselbegriff, ein praktisches Beispiel dafür: Ein Deutscher benötigt für seinen Arztbesuch in Frankreich lediglich seine Krankenversicherungskarte – Cash-Bezahlungen oder Extra-Formulare sind im Ausland passé. Schröder zufolge erwarten genau das die EU-Bürger. Doch solche grenzüberschreitenden Anwendungen lassen sich nicht einfach aus dem Boden stampfen – zu unterschiedlich sind Ansätze der verschiedenen EU-Staaten. Während beispielsweise Dänemark auf kartenlose Webplattformen setzt, steht in Deutschland die elektronische Gesundheitskarte (eGK) im Mittelpunkt des Telematik- Projektes.

Beispiel Schweden: „eHealth-Angebote, die dem Bürger folgen“
In Schweden setzt man nach den Worten von Karin Johansson nicht schwerpunktmäßig auf eine smart card. Die Staatssekretärin im schwedischen Gesundheits- und Sozialministerium betont: „Wir entwickeln eHealth-Angebote, die dem Bürger folgen, auch wenn er seine Karte nicht dabei hat.“ Im vergangenen Jahr hat Schweden seinen nationalen Strategieplan vorgestellt. Darin sind unter anderem eine gemeinsame Terminologie, Infra- und Wissensstruktur festgelegt. Besonders wichtig sei, so Johansson, die Abstimmung mit den Regionen gewesen.

Praxistest für die eCard
Hierzulande werden absolvieren die neuen Karten gerade einen Praxistest in verschiedenen Regionen. Eine erste Lehre zieht Staatssekretär Schröder bereits auf der Konferenz: „Die Instruktionen für Ärzte und Patienten müssen sehr präzise sein.“ Die Bevölkerung dürfe bei Erhalt der neuen Karte die alte nicht gleich zerstören, beide sollten parallel genutzt werden.
Kritik kommt unterdessen von der Deutschen Gesellschaft für Versicherte und Patienten (DGVP): Widersprüchliche Interessen bei der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen verzögerten die mögliche Entwicklung zu Lasten der Patienten. Nach Angaben von Prof. Klaus-Dieter Kossow, Beiratsmitglied der DGVP, beträgt die Projektverspätung bei der eGK mittlerweile zwei Jahre. „Das Problem der Datensicherheit ist lösbar und keineswegs eine ausreichende Begründung für die schleppende und dilettantische Vorgehensweise bei der Einführung der Karte“, so Kossow.

Fahrplan für internationale Kooperation unterzeichnet
Die Konferenz bildete den Rahmen für die Erklärung „eHealth in Europa gelingt gemeinsam“, die EU-Mitgliedstaaten und Europäische Kommission unterzeichneten. Damit verpflichten sie sich zur Umsetzung eines Fahrplans für grenzüberschreitende elektronische Gesundheitsdienste. Vorgesehen sind unter anderem umfassend angelegte Pilotprogramme. Innerhalb dieses Rahmens soll die Anwendung verbesserter medizinischer Basisdokumentationen – beispielsweise bei medizinischen Notfällen sowie der Verschreibung und Einlösung von Rezepten – getestet werden.

Was ist Telematik?
Vernetzte Medizin, elektronische Gesundheitsdienste, eHealth – das alles läuft im Fachjargon meist unter dem Begriff Telematik. Das Wort wurde aus den Begriffen Telekommunikation und Informatik gebildet. Es bedeutet zunächst nichts anderes, als dass Datenbestände auf entfernten Rechnersystemen über eine Datenfernverbindung miteinander verbunden werden. Telematik ist die Grundlage, um auch in der vernetzten Medizin bereichsübergreifend Serviceleistungen zu erbringen. So können Hausärzte besser mit Fachärzten und diese besser mit Krankenhäusern kommunizieren. Befunde und Behandlungspläne können besser ausgetauscht werden und sind unmittelbar am Ort der aktuellen Behandlung verfügbar.

Deklaration zur eHealth Conference 2007 vom 17. April 2007: „eHealth in Europa gelingt gemeinsam“
17.04.2007 PDF, 3 Seiten, 31KB
Pressemitteilung des Bundesministeriums für Gesundheit vom 17. April 2007: „eHealth in Europa gelingt gemeinsam“
17.04.2007 PDF, 2 Seiten, 114KB
Zusammenfassung der Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Versicherte und Patienten (DGVP) vom 19 . April 2007 zum Thema: „Patienten von der Entwicklung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) ausgeschlossen!?“
19.04.2007 PDF, 1 Seiten, 49KB
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