Patientenbrief

Juni 2007

SELBSTHILFE-SPONSORING
Helms: konstruktiv-kritischer Umgang statt Generalverdacht

Berlin - Die finanzielle Förderung der Selbsthilfe ist ein heißes Eisen, erst kürzlich wurde das Thema auf Veranstaltungen der Theodor Springmann Stiftung und des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes intensiv diskutiert. Im Interview mit dem Patientenbrief äußert sich Ursula Helms zu Sponsoring und Finanzierung. Die Diplom-Sozialwirtin ist seit 2005 Geschäftsführerin der Nationalen Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (NAKOS) in Berlin.

Patientenbrief: Wenn Sie die finanzielle Unterstützung von Selbsthilfe gesetzlich regeln dürften – wie würden sie diese gestalten?

Helms: Ich würde die Förderung und Unterstützung aller Aktivitäten, die – wie die Selbsthilfebewegung – dem bürgerschaftlichen Engagement zuzurechnen sind, über ein gesondertes Gesetz regeln. Zugleich sollte ein Verfahrensmodell zur finanziellen Förderung (Infrastruktur und Beratung) des Engagements entwickelt werden. Die Förderung müsste dann natürlich die jeweilige fachlich-sachliche Ausprägung und vor allem die Unabhängigkeit und den ressortübergreifenden Charakter der Selbsthilfe berücksichtigen. Die Unterstützung der Selbsthilfe würde mit diesem Modell endlich als Gemeinschaftsaufgabe verstanden und eine finanzielle Förderung der Selbsthilfe könnte durch Bund, Länder, Kommunen sowie Sozialversicherungs- und auch andere Sozialleistungsträger bedarfsgerecht gesichert werden.

Patientenbrief: Ist die Selbsthilfe gänzlich ohne Sponsoring – unabhängig, ob vom Staat, von Unternehmen etc. – denkbar?

Helms: Grundsätzlich ja. Es gibt eine große Zahl von Selbsthilfegruppen, -organisationen und -kontaktstellen, die auch heute ohne Sponsoring auskommen. Eine Förderung durch Kommunen, Bundesländer oder Bundesverwaltungen ist nicht dem Sponsoring zuzurechnen. Auch Mittel der gesetzlichen Krankenkassen oder der Rentenversicherung entsprechen nicht der Finanzierungsform eines Sponsorings, da sie auf einer Rechtsgrundlage beruhen.

Patientenbrief: Welches sind Ihrer Meinung nach die wichtigen Regeln, die sowohl pharmazeutische Unternehmen als auch Selbsthilfegruppen beim Sponsoring einhalten sollten? Was sollte vermieden werden?

Helms: Es ist sicher zu stellen, dass eine Beeinflussung der inhaltlichen Arbeit der Selbsthilfegruppen und eine persönliche finanzielle Abhängigkeit Einzelner ausgeschlossen sind. Transparenz nach außen, insbesondere aber auch nach innen in die eigene Organisation hinein sind sicherlich eine Möglichkeit, um Fragen nach mangelnder Unabhängigkeit und Wertfreiheit der Akteure nicht aufkommen zu lassen. Nicht zu vergessen ist aber: Die Selbsthilfe ist parteilich im Sinne des Voranbringens der Anliegen der Betroffenen. Um einen Verdacht der Beeinflussung der Selbsthilfe durch pharmazeutische Unternehmen oder Hilfsmittelhersteller grundsätzlich auszuschließen, wäre die Schaffung eines Förder-Pools oder -Fonds durch pharmazeutische Unternehmen sehr sinnvoll. Dann könnten Selbsthilfegruppen, -organisationen und -kontaktstellen auf der Grundlage eines vereinbarten Verfahrens von einem berufenen Vergabeausschuss Mittel beantragen und so einzelne Vorhaben realisieren. Ein solcher Förder-Pool wäre zudem ein geeignetes Instrument zur Vermeidung eines der größankerten Teilprobleme in der Diskussion um das Sponsoring: der Förderung von krankheitsspezifischen Selbsthilfegruppen und -organisationen durch pharmazeutische Unternehmen, welche Produkte für diese Krankheit in ihrem Portfolio haben. In diesen Fällen ist eine Gewährleistung von Unabhängigkeit nicht leicht sicher zu stellen.

Patientenbrief: Glaxo- SmithKline hat kürzlich auf seiner Website die Namen der Patientenorganisationen, die das Unternehmen unterstützt, veröffentlicht. Die publizierte Liste enthält unter anderem die Aufteilung der bereitgestellten Finanzmittel. Wie beurteilen Sie die Initiative?

Helms: Ausgesprochen positiv und im Übrigen sehr informativ. Mit dieser Liste wurde deutlich, wofür die Mittel eingesetzt wurden und wie gering diese auch im Einzelnen sind.

Patientenbrief: Eine Selbstverpflichtungserklärung ist für Organisationen, die finanzielle Unterstützung von den Krankenkassen beantragen wollen, seit diesem Jahr auf Bundesebene verpflichtend. Wie wird diese Regelung in der Selbsthilfeszene bewertet?

Helms: Die Erklärung zu Neutralität und Unabhängigkeit ist grundsätzlich recht positiv aufgenommen worden. Das Formblatt bietet die Möglichkeit, sich mit
der eigenen Situation auseinander zu setzen.

Patientenbrief: Sponsoring ist bei den Selbsthilfegruppen ein heißes Thema. Auch in den Medien findet es Beachtung. Allerdings verlaufen die Diskussionen oft emotional, Polarisierungen bleiben nicht aus. Welche Aspekte bleiben dabei Ihrer Ansicht nach auf der Strecke?

Helms: Der tatsächliche Umfang der Förderung durch Sponsoring steht in keinem Verhältnis zum Ausmaß der Auseinandersetzung. Über eine Beeinflussung oder Abhängigkeiten bestehen Vermutungen, welche in der öffentlichen Wahrnehmung in einen Generalverdacht münden. Die Diskussion erfolgt nicht in dem erforderlichen und wünschenswerten konstruktiv-kritischen Umfeld. Sie lässt auch zu wenig Raum und Zeit für Aufklärung. Konkret betrifft das Chancen und Risiken einer Kooperation mit pharmazeutischen Unternehmen oder eine partnerschaftlich orientierte Auseinandersetzung zu Fragen der medizinischen Versorgung mit Medikamenten. Gleichwohl halten wir eine Diskussion für notwendig und wünschen uns einen Workshop, an dem Selbsthilfeorganisationen, Kassen und Unternehmen gemeinsam in einen Diskurs eintreten. Dort könnten Lösungswege für eine gelingende gesellschaftliche Verantwortung von Wirtschaftsunternehmen (Corporate Social Responsibility) beraten werden.

Zur Umfrage
2004 erhielten nach einer Erhebung der NAKOS 4 Prozent der bundesweiten Selbsthilfeorganisationen zwischen 41 bis 70 Prozent ihres Finanzbedarfes über Sponsoren. Über 70 Prozent der Selbsthilfeorganisationen bekamen gar keine finanziellen Mittel über ein Sponsoring. Durchschnittlich beträgt der aus Sponsoringmitteln bestrittene Anteil am Finanzierungsbedarf knapp 6 Prozent. Der Hauptanteil des Finanzierungsbedarfs wird aus Eigenmitteln, also überwiegend Mitgliedsbeiträgen, rund ein Fünftel aus Fördermitteln der gesetzlichen Krankenversicherung bestritten. Hinzu kommen Spenden und Bußgelder mit einem Finanzierungsanteil von 13 Prozent sowie Mittel von Stiftungen mit knapp 2 Prozent.

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