Patientenbrief

Juli 2007

ARZNEIMITTEL
Extreme Unterschiede in der Versorgung

Berlin - „Unterversorgung ist kein Gefühl, sondern eine empirisch belegbare Tatsache“, konstatiert Cornelia Yzer, Hauptgeschäftsführerin des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller (VFA). Für zehn Krankheitsbilder hat der VFA vom Institut für Empirische Gesundheitsökonomie untersuchen lassen, ob es Unterversorgung mit Arzneimitteln in Deutschland gibt. Das Ergebnis der Studie: Die Defizite sind zum Teil enorm.

Ursachen sind vielfältig
Eine prekäre Unterversorgung stellt Prof. Dr. Reinhard Rychlik vom Institut für Empirische Gesundheitsökonomie bei Patienten mit Demenz, Rheumatoider Arthritis sowie Hepatitis C fest. Bei der Versorgung der zurzeit etwa eine Million Demenzpatienten errechnete der Wissenschaftler eine Unterversorgung mit Antidementiva von 74 Prozent. Ursachen sind aus seiner Sicht: unzureichende Kenntnis der Ärzte über leitliniengerechte Therapien, mögliche Defizite in den Aus-, Weiter- und Fortbildungscurricula, späte Diagnosestellungen. Außerdem trage die skeptische Beurteilung der Wirksamkeit von Antidementiva durch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) zur Unterversorgung Demenzkranker bei. Laut IQWiGBericht könnten die Antidementiva den Krankheitsverlauf lediglich geringfügig mildern. Rychlik liegt es jedoch fern, die Verantwortung für Unterversorgung den Ärzten in die Schuhe zu schieben. Es handele sich um ein ganzes Geflecht von Ursachen. „Zweifellos wirken sich gesundheitspolitische Restriktionen negativ auf das Verordnungsverhalten von Ärzten aus.“

Oft unerkannt: Hepatitis C
Zu unterschätzen seien auch nicht fehlende Therapietreue der Patienten oder der Fachärztemangel bei bestimmten Erkrankungen wie Rheuma. Den Mangel an erreichbaren Rheumatologen sieht Rychlik als wichtigen Grund für die von ihm errechnete Unterversorgung von 69 Prozent bei Rheumatoider Arthritis. Wieder anders sind die Erkenntnisse zur Hepatitis C zu interpretieren. Da kommt Rychlik auf eine Unterversorgung von 91 Prozent, aber: „Die Zahl ist deshalb so hoch, weil viele Patienten mit Hepatitis C nicht identifiziert werden.“ So wurden in Deutschland 2005 insgesamt 8.308 Fälle erstdiagnostizierter Hepatitis C gemeldet. Schätzungen des Robert Koch-Instituts für 2005 gehen von 400.000 – 500.000 in Deutschland lebenden Virusträgern aus. Daher wird eine enorme Dunkelziffer vermutet. Vergleichsweise gering ausgeprägt ist die Unterversorgung beispielsweise bei Schilddrüsenkarzinom, Schizophrenie und chronischem Tumorschmerz. Erschwert wurde die Arbeit von Rychlik durch eine schlechte Datenlage. „Entweder es gibt keine Daten, sie sind widersprüchlich oder unzulänglich ermittelt.“ Deshalb sei er eher von konservativen Zahlen zur Prävalenz ausgegangen.

Zum Gutachten
Der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) hat das Institut für Empirische Gesundheitsökonomie beauftragt, ein Gutachten zur Versorgungssituation mit Arzneimitteln zu erstellen. Betrachtet wurden zehn Krankheitsbilder: Chronischer Tumorschmerz, Demenz, Depression, Hepatitis C, Hypertonie, Migräne, Osteoporose, Rheumatoide Arthritis, Schilddrüsenkarzinom, Schizophrenie. Ausgegangen wurden von Verordnungsdaten des Zeitraumes November 2005 bis Oktober 2006.

Gutachten über die Unterversorgung mit Arzneimitteln in Deutschland, herausgegeben vom Verband Forschender, Mai 2007
PDF, 79 Seiten, 377KB
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