Berlin - In der Telemedizin spielen Entfernungen keine Rolle mehr. Moderne Kommunikationsformen überbrücken die räumliche Trennung zwischen Arzt und Patient, Mediziner können Röntgenbilder und Laborergebnisse elektronisch versenden, um sich mit Kollegen über Befunde und Therapiemöglichkeiten auszutauschen. Klingt viel versprechend, aber noch hakt es oft bei der Online-Medizin.
„Wir haben kein Entwicklungsproblem, wir haben ein Umsetzungsproblem!“ So fasst Prof. Hans-Jochen Brauns, Präsident der im vergangenen Jahr gegründeten Deutschen Gesellschaft für Telemedizin (DGTelemed), die Schwierigkeiten zusammen. Zu wenige Modellprojekte seien bisher in die Regelversorgung übergegangen.
Schleppende Umsetzung wegen lokaler Orientierung
Er hofft nun auf überregionale Gesundheitsunternehmer wie die Klinikketten Helios und Sana, die das Thema anders angehen würden. Denn für die schleppende Umsetzung der telemedizinischen Möglichkeiten macht der Präsident unter anderem die lokale Orientierung der Gesundheitsversorger verantwortlich. „Die Berliner Krankenhäuser interessieren sich nur für die Bevölkerung in Zehlendorf oder Reinickendorf. Der Patient, der lange Wege auf sich nimmt, ist nicht präsent.“ Mit Abstrichen gelte dies auch für Flächenstaaten wie Bayern. Ein Problem sei zudem die kleinteilige Organisationsstruktur, vor allem bei den Niedergelassenen. Die Telemedizin müsse daher eine große Anzahl eigenständiger „Unternehmer“ unter einen Hut bringen. Ein enormer Organisationsaufwand sei die Folge. Zahlreiche Schwierigkeiten, die sich aber überwinden lassen. Das beweist ein telemedizinisches Projekt zur integrierten Schlaganfallversorgung in Südostbayern. TEMPiS, so der Name der Initiative, hat den Sprung in die Regelversorgung geschafft.
Know-How-Transfer und TEMPiS-Visiten
Die Ausgangslage: Patienten, die in einer ländlichen, strukturschwachen Region einen Schlaganfall erleiden, haben schlechtere Chancen für das Überleben beziehungsweise ein unabhängiges Leben. Die erwiesenermaßen prognoseverbessernden Schlaganfalleinheiten (Stroke Units) sind fast ausschließlich in größeren Städten eingerichtet. Im Rahmen des TEMPiS-Netzwerkes haben die Schlaganfallzentren in München-Harlaching und Regensburg zwölf regionale Krankenhäuser beim Aufbau einer Schlaganfallschwerpunktstation unterstützt. Projektkoordinator Dr. Heinrich Audebert hebt außerdem den kontinuierlichen Know-How-Transfer in Form von Schulungen, standardisierten Behandlungsleitlinien und TEMPiS-Team-Visiten hervor. Dank Telemedizin können die Krankenhäuser zudem die Patienten den Experten in den Schlaganfallzentren vorstellen.
Nach einer Untersuchung vor der Kamera und einer Mitbeurteilung der Computertomographiebeziehungsweise Kernspinaufnahmen wird gemeinsam die weitere Diagnostik und Therapie festgelegt.
Der Arzt im Monitor
Eine Kamera filmt die Untersuchung, der Arzt erscheint im Monitor – Innovationen sind mitunter gewöhnungsbedürftig. Bei TEMPiS habe daher von Anfang an die Akzeptanz bei Medizinern und Patienten im Vordergrund gestanden, sagt Audebert. Dabei bewiesen die Verantwortlichen offenbar Fingerspitzengefühl, was gute Umfragewerte unten den Ärzten und Patienten zeigen. Eine wissenschaftliche Projektanalyse, für die Schlaganfallpatienten aus fünf TEMPiS-Kliniken denen aus fünf vergleichbaren Häusern gegenübergestellt wurden, liefert klare Argumente für das telemedizinische Konzept: Die Mortalitätsrate ist geringer, weniger Patienten wurden ins Pflegeheim aufgenommen oder behalten eine schwere Behinderung zurück. Auch in den Indikatoren für die Behandlungsqualität zeigen sich große Unterschiede: 4,6 Prozent der TEMPiS-Patienten erhielten eine Lysetherapie, welche die Auflösung von Blutgerinnseln bewirkt, in der Kontrollgruppe waren es nur 0,4 Prozent. Neben einer frühen diagnostischen Abklärung wurden bei den telemedizinisch behandelten Patienten auch signifikant häufiger rehabilitative Therapien durchgeführt.