Berlin - Welchem Arzt gehört die Zukunft? Dem patientenorientierten Traditionalisten, der der staatlichen Regulierung zuneigt, oder eher dem kundenorientierten Dienstleister, für den Patienten zunehmend Kunden sind? Diese und zwei weitere Arzttypen stellt das Zukunftsforum Gesundheitspolitik (Zufog), ein Forschungsprojekt der Universität Passau, vor. Dem zugrunde liegen Ergebnisse einer Umfrage unter niedergelassenen Ärzten.
„Nach der Untersuchung des geänderten Patientenverhaltens ‚Das Ende des klassischen Patienten’ ging es uns jetzt darum, auch eine Veränderung des Selbstbildes des Arztes und des traditionellen Arzt-Patienten-Verhältnisses nachzuweisen“, erläutert der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Winand Gellner von der Universität Passau die Hintergründe der beiden Studien.
Rechtfertigungsdruck behindert ärztliche Tätigkeit
700 niedergelassene Haus- und Fachärzte nahmen an der Umfrage teil, die unter anderem Themen wie Patientenverständnis sowie Arzt-Patienten-Verhältnis abdeckte. 84 Prozent der Mediziner sehen eine seit 2004 gewandelte Rolle des Arztes. Die originären ärztlichen Aufgaben medizinische Behandlung (93,1 Prozent) und Patientengespräche (90,7 Prozent) spielen nach wie vor eine sehr große Rolle im Arbeitsalltag. Vor allem Verwaltungsaufgaben (93 Prozent) und wirtschaftliche Aspekte (86 Prozent) sowie ein größerer Rechtfertigungsdruck (74 Prozent) rücken aber immer stärker in den Mittelpunkt und behindern die ärztliche Tätigkeit. Deutliche Unterschiede zeigen sich der Befragung zufolge zwischen Ärzten in den alten und neuen Bundesländern. So wird der Wettbewerb von Ärzten in den neuen Bundesländern schwächer als von ihren Kollegen in den alten Bundesländern wahrgenommen (Ost: 34,5 Prozent, West: 53,1 Prozent). Auffällig ist ferner, dass Ärztinnen für das einzelne Arzt-Patienten-Gespräch mehr Zeit aufwenden. Generell befürworten die Niedergelassenen eine Reform des Systems zugunsten von mehr Eigenverantwortung und Mündigkeit der Patienten. Allerdings konnten die Wissenschaftler nur geringes Vertrauen in die Gesetzgebung feststellen.
Vier unterschiedliche Ärztetypen
Gellner und seine Mitarbeiter sind von vier unterschiedlichen ärztlichen Einstellungsmustern ausgegangen. Der paternalistische-autoritäre Leistungserbringer (zu dem 95 der befragten Ärzte zählen) bejaht die aktuelle staatliche Regulation und akzeptiert Reformen nur im bestehenden institutionellen Rahmen. Im Umgang mit seinen Patienten beharrt er auf der traditionellen Rolle des Arztes und fordert von seinen Patienten umfassendes Vertrauen in sein medizinisches Urteil und uneingeschränkte Entscheidungsmacht in medizinischen Fragen sowie strikte Therapiebefolgung. Die Paternalisten sind zu 43 Prozent über 60 Jahre alt (gesamt 29,7 Prozent), die große Mehrheit (82,2 Prozent) praktiziert in Orten mit weniger als 100.000 Einwohnern (gesamt 69,5 Prozent). Der patientenorientierte Traditionalist (mit 298 Ärzten meistvertretener Arzttyp) verlässt sich auf die staatliche Regulation, fordert aber im Arzt-Patienten-Verhältnis den mündigen und selbstverantwortlichen Partner. Er konzentriert sich auf seine Kernkompetenz Heilen. Der liberale Autokrat (65 Ärzte) möchte das Gesundheitswesen tendenziell marktwirtschaftlicher ausrichten, um seine Position als Arzt zu stärken und Effizienzressourcen besser ausschöpfen zu können. Er hält an seinem Informationsvorsprung gegenüber dem Patienten fest. Patienten sollen sich seinem Urteil unterwerfen und seine Therapien strikt einhalten. Ebenso wünscht der kundenorientierte Dienstleister (176 Ärzte) eine Öffnung des Systems durch verstärkten Wettbewerb und eine Umgestaltung der institutionellen Rahmenbedingungen. Er versteht unter dem mündigen Patienten einen weitgehend selbstverantwortlichen und in seinen Entscheidungen autonomen Patienten. Das Verhältnis zwischen Arzt und Patient ist partnerschaftlich. In der Rolle als Dienstleister nimmt er vermehrt Fortbildungsangebote wahr und bietet IGeL-Leistungen an. Die Grenzen zwischen diesen Ärztetypen sind keineswegs starr. Die Befragung ergab, dass die Ärzte sowohl im Laufe der Zeit als auch in verschiedenen Behandlungssituationen ihre Vorstellungen anpassen.
Das Ende des klassischen Patienten?
Bereits vor zwei Jahren haben die Forscher der Universität Passau im Rahmen des Zufolg-Forschungsprojektes „Das Ende des klassischen Patienten?“ vier verschiedene Patiententypen ermittelt. Grundlage dafür war eine empirische Umfrage, an der 1.000 Bürger teilnahmen. Der traditionelle Nutzer fühlt sich im System der Selbstverwaltung nach wie vor grundsätzlich vertreten und sieht keinen Bedarf zu einer Systemveränderung. Der pluralistische Reformer ist offen für mehr individuelle Gestaltungs- und Mitsprachemöglichkeiten, verspricht sich jedoch nach wie vor am meisten von einer staatlich garantierten Gesundheitsordnung. Der korporatistische Reformer will eine stärkere Individualisierung des Gesundheitswesens mit einhergehender erhöhter Eigenvorsorge und Belohnung gesundheitsfreundlichen Verhaltens. Der individualistische Entrepreneur sieht sich vor allem als Kunde und eigeninteressierter Akteur, der verstärkt auf eine Privatisierung des Krankheitsrisikos setzt. Unabhängig vom jeweiligen Typus wollen Patienten mehrheitlich nicht auf moderne Medizin verzichten, keine Einschränkung der freien Arztwahl hinnehmen und gut informiert sein. Insgesamt zeigte sich ein nachhaltiger Wandel des Patientenverständnisses zu mehr Selbstverantwortung und Reformbereitschaft.