Patientenbrief

Dezember 2007

TAGUNG
Anspruchsvolle Kooperation: Ärzte und Selbsthilfe

Berlin - Wie können Ärzte und Selbsthilfe gut zusammenarbeiten? Auf einer Tagung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) wurden best practice Beispiele vorgestellt, es gab aber auch kritische Töne.

"Eine solche Tagung hätte es vor zehn Jahren nicht gegeben", meint Prof. Rolf Rosenbrock vom Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung. Anlass für diese Bemerkung ist das Thema "Kooperationsnetzwerke im KV-System – Modelle guter Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Patienten". Für Rosenbrock ein klares Zeichen für die Öffnung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung in Richtung Patientenorientierung. Doch Rosenbrock gießt auch Wasser in den Wein und rät Patientenvertretern zu Achtsamkeit: "Das Interesse der KV muss nicht deckungsgleich mit den Interessen der Patienten sein."

Konkrete Kooperationsbeispiele
Dr. Carl-Heinz Müller, Vorstand der KBV, konstatiert: "Das alte Bild des Halbgottes in Weiß, der allein weiß, was das Beste für seine Patienten ist, hat sich endgültig verabschiedet und ist dem Bild des partnerschaftlichen Patienten-Arzt-Verhältnisses gewichen." Eine etwas zu optimistische Einschätzung, wie später folgende Äußerungen von Teilnehmern zeigen. Dr. Stefan Etgeton, Verbraucherzentrale Bundesverband, findet nicht, "dass wir das alte Modell hinter uns gelassen haben. Wir sind mitten im Umbruch."
Zweifellos ist aber im KV-System hinsichtlich der Kooperation zwischen Ärzten und Patienten in den letzten Jahren eine Menge passiert. KBV-Chef Müller nennt verschiedene Beispiele wie Patienten- und Versichertenbefragungen sowie die Kooperationsberatung für Selbsthilfegruppen und Ärzte (KOSA). Ein weiteres Beispiel sei die Einbindung von Patientenvertretern bzw. Selbsthilfegruppen in die Erarbeitung besonderer Versorgungsverträge. Die eigens dafür eingerichtete KBV-Vertragswerkstatt bindet je nach Krankheitsbild entsprechende Selbsthilfegruppen mit ein.

"Engagement kann man nicht verordnen"
Während der ganztägigen Veranstaltung wird deutlich, dass es noch ein langer und mitunter steiniger Weg zu einer guten Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Patienten ist. "Engagement kann man nicht verordnen" sagt Stefanie Theiß, die bei der KV Nordrhein die KOSA leitet. In Nordrhein gibt es bereits seit 1999 einen institutionalisierten Austausch mit Patienten im Rahmen von Fachgesprächen und durch die Round Table. "Wir profitieren seit Jahren von der Selbsthilfe", bilanziert Theiß. Jüngster Ausdruck der guten Kooperation: Im Mai wurde ein Patientenbeirat in der KV Nordrhein gegründet. Das Gremium ist paritätisch mit sechs Vertretern aus verschiedenen Selbsthilfe- und Patientenorganisationen sowie sechs Vertretern der Kassenärztlichen Vereinigung besetzt.

Ärzte fühlen sich überfordert
Die meisten Ärzte – etwa 90 Prozent – stünden der Selbsthilfe generell positiv gegenüber, weiß Dr. Peter Scholze, hausärztlicher Internist und Vorsitzender der Vertreterversammlung der KV Bayern. Allerdings ergab die Umfrage per Fragebogen zum Thema Selbsthilfe und Ärzte in Bayern ebenso folgendes: "Je konkreter nachgefragt wird, desto weniger Ärzte werden es auch", so Scholze. Man sei schnell bei 25 bis 30 Prozent, frage man beispielsweise nach der Übernahme von Vorträgen, der Thematisierung von Selbsthilfe in der Praxis oder dem Überlassen von Räumen für Treffen. Eine Erklärung laut Scholze: "Die Ärzte fühlen sich oft überfordert." Das wäre besonders dann der Fall, wenn seitens der Selbsthilfegruppen zu hohe Ansprüche gestellt würden: "Man kann nicht immer den absoluten Spezialisten zu einer Veranstaltung schicken oder die Dinge regeln, wenn ein bestimmtes Medikament nicht bezahlt wird."

Win-Win-Situation für beide Seiten
Welchen Gewinn er persönlich aus enger Zusammenarbeit mit der Selbsthilfe zieht, schildert Allgemeinmediziner Dr. Johannes Fechner. "Die Patienten sind besser informiert und der Arzt selbst kann auch besser mit der Krankheit umgehen." Bei den Treffen der Selbsthilfegruppen erfahre man viel mehr als bei der Konsultation in der Praxis. Klares Hemmnis für den Sprecher des Bezirksbeirates Freiburg der KV Baden-Württemberg: "Es kostet Zeit." Allerdings: Die Ärzte, die mitmachten, erlebten die Vorteile und die Win-Win-Situation. Die KV könne unterstützen, aber aktiv müsse der einzelne Arzt selbst werden.



Wie gute Kooperation zwischen Ärzten und Selbsthilfe aussehen kann, zeigen zwei Beispiele aus der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL):

  • Eine Anfrage der KVWL-KOSA an Orthopäden und Allgemeinmediziner zur Mitwirkung an Informationsveranstaltungen zum Thema Post Polio führte zu einer langjährigen Kooperation der Post Polio-Gruppe mit einem Orthopäden. Der Arzt nimmt nach jeweiliger Absprache an SHG-Treffen teil und informiert Betroffene. Nach eigenem Bekunden profitiert er vom Erfahrungswissen der SHG-Mitglieder, das in seine Arbeit einfließt.
  • Auf Wunsch eines Gefäßchirurgen organisierte die KVWL-KOSA ein Treffen mit einer SHG Amputierter. Mit Blick auf die Nachsorge lag dem Arzt an einer Zusammenarbeit mit Patientenvertretern bereits im Vorfeld der Entlassung. Seither macht die SHG – auf Anfrage der Klinik – Patientenbesuche und bereitet Neubetroffene auf das Leben nach Amputation vor.

www.kbv.de

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