Berlin - Rasche und effektive Hilfe für Schlaganfallpatienten versprechen neuartige teleneurologische Netzwerke. Der Klinikkonzern Helios baut ein solches auf.
"Könnten Sie jetzt noch bitte beide Arme heben und die Augen schließen?" Der Schlaganfallpatient folgt den Anweisungen des Arztes. Diese gibt allerdings nicht der Mediziner, der direkt neben seinem Bett steht, sondern ein dritter Arzt, Prof. Dr. Guntram W. Ickenstein. Das Besondere: Ickenstein befindet sich gar nicht in dem Krankenhauszimmer, sondern ist nur auf einem Monitor zu sehen. Tatsächlich sitzt der Neurologe in dem mehrere hundert Kilometer entfernten Klinikum Berlin-Buch. Verbunden sind die beiden Häuser durch das teleneurologische Netzwerk Neuronet. Der Spezialist wird so mithilfe telemedizinischer Technik vor Ort gebracht.
Jede Minute zählt
Etwa 67.000 Menschen sterben jährlich in Deutschland an den Folgen eines Schlaganfalls, täglich sind bis zu 300 Patienten. "Time is brain" lautet der medizinische Grundsatz bei der Behandlung. "Im Ernstfall zählt für den Schlaganfall-Patienten jede Minute. Je schneller in dem sehr engen Zeitfenster eine Therapieoption eingeleitet wird, desto größer sind seine Überlebens- und Heilungschancen", sagt Ickenstein, der bei Helios das Projekt Neuronet leitet. Neuronet verbindet Krankenhäuser, die kein spezielles Schlaganfallzentrum haben, mit einer solchen Fachklinik (Stroke Unit). Die Patienten profitieren so von der hoch spezialisierten neurologischen Fachkompetenz der Stroke Units. Praktisch funktioniert das wie folgt: Zu jeder Tages- und Nachtzeit kann der Arzt in der Notaufnahme per Videoverbindung eine Neurologische Klinik mit überregionaler Stroke Unit konsultieren. Gemeinsam mit dem Kollegen vor Ort wird die Untersuchung des Patienten "online" durchgeführt. Die Bilder des Patienten – Computertomographie oder MRT – werden über Videoschaltung besprochen, die Therapieoptionen bis hin zur Thrombolyse (medikamentöse Auflösung eines Blutgerinnsels im Gehirn) können abgestimmt und eingeleitet werden.
"Das Versorgungsniveau wird deutlich gehoben"
"Das gesamte Versorgungsniveau im Bereich Schlaganfall wird so deutlich gehoben. Patienten verlieren keine wertvolle Zeit durch einen langen Krankentransport oder Unsicherheiten in der Einleitung der Behandlung", sagt Prof. Hans-Peter Vogel, Chefarzt der Klinik für Neurologie im Klinikum Berlin-Buch. Bei den Patienten kommt der zusätzliche "Video-Doktor" gut an. "Die Patienten nehmen es sehr positiv auf, dass sich ein weiterer Experte um sie kümmert", betont Prof. Ickenstein.
Stück für Stück hat die Klinikkette Helios in den vergangenen Monaten das Neuronet aufgebaut. Vier Schlaganfallzentren und acht weitere Kliniken sind bereits am Netz, kürzlich ist die zertifizierte Stroke Unit Berlin-Buch dazugekommen. Ingesamt behandelt der Verbund damit rund 1.700 Schlaganfälle pro Jahr. Tendenz steigend, denn mittlerweile habe bereits Kliniken, die nicht zur Helios-Gruppe gehören, Interesse signalisiert, dem Netzverbund beizutreten.
Teleneurologie: Das Beispiel TEMPiS
Im Ausland gibt es vergleichbare teleneurologische Projekte lediglich in Frankreich und in den USA. Vorreiter in Deutschland ist das bayerische Versorgungskonzept TEMPiS: 14 regionale Kliniken sind dabei mit den beiden Schlaganfallzentren in München Harlaching und an der Universität Regensburg vernetzt. Jedes der Versorgungskrankenhäuser hat eine eigene Schlaganfallstation aufgebaut und wird bei Fortbildung und Qualitätssicherung durch die Projektleitung unterstützt. Für schwierige klinische Fragestellungen kann jederzeit telemedizinisch Kontakt zu den Zentren aufgenommen werden. Auch bei Helios wird das Neuronet flankiert durch ein systematisches Schulungskonzept für Mediziner. Prof. Vogel hofft, dass sich das Netz langfristig als "Wissensplattform" etabliert.