Berlin - "Wir sind in Deutschland Weltspitze in der Schmerzforschung, im Bereich der Schmerzversorgung sind wir allerdings ein Entwicklungsland", klagt Prof. Michael Zenz auf dem Deutschen Schmerzkongress.
Zehn Millionen Schmerzkranke gibt es Zenz zufolge in Deutschland, eine der am weitesten verbreiteten Erkrankungen überhaupt, meint der Mediziner. Für die schlechte Versorgung hierzulande nennt er eine Reihe von Gründen. So sei beispielsweise das Thema Schmerz in der Aus- und Weiterbildung von Medizinern unterrepräsentiert, "dabei ist Schmerz eines der häufigsten Symptome überhaupt", so Zenz. Er weist ferner auf die unbefriedigende Vergütungssituation von Schmerztherapeuten hin. Es gäbe ein Missverhältnis zwischen erbrachter Leistung und Vergütung. "Eine Spritze wird bezahlt, eine interdisziplinäre Schmerzkonferenz dagegen nicht."
Bonus-Malus-Regelung für Ärzte in der Kritik
Auch die Spargesetze der Bundesregierung kritisieren Mediziner in diesem Zusammenhang. Als konkretes Beispiel nennt Prof. Stefan Evers vom Universitätsklinikum Münster das Mitte vergangenen Jahres in Kraft getretene Arzneimittelversorgungs-Wirtschaftlichkeitsgesetz (AVWG). Ärzte können nach dem Gesetz für ihre Verordnungen mit einem Bonus belohnt oder mit einem Malus bestraft werden. Evers zufolge habe diese Regelung dazu geführt, dass die Verordnungen von Triptanen für Migränepatienten, die im europäischen Vergleich ohnehin schon auf einem niedrigen Stand seien, um zehn Prozent zurückgegangen seien. Dies ist das Ergebnis einer E-Mail-Befragung von über 6.000 Migränepatienten. Mittlerweile wird die Malus-Regelung übrigens nicht mehr praktiziert.
Zenz: "Wir stehen in der Verantwortung"
Auf dem Kongress stellt die Deutsche Gesellschaft zum Studium des Schmerzes (DGSS) erstmals öffentlich eine Ethik-Charta vor. Ziel der Charta ist es, der weit verbreiteten Unsicherheit unter Patienten, Angehörigen, aber auch Ärzten zu begegnen. "Wir stehen gegenüber den Menschen, die an chronischen Schmerzen leiden, in der Verantwortung", sagt DGSS Prof. Michael Zenz. "Ausdruck dieser Verantwortung ist die Ethik-Charta, die in Zusammenarbeit von Medizinern, Psychologen, Philosophen und Juristen entstanden ist." Sie beschreibt ausführlich die Rechte der Patienten mit Schmerzen, sie stellt Thesen zu allen zentralen Bereichen von Schmerzdiagnose, -therapie und -forschung auf und endet mit einem Forderungskatalog für die Zukunft.
Die Ethik-Charta
"Jeder Mensch mit Schmerzen hat einen Anspruch auf eine angemessene Schmerzbehandlung", heißt es in der Charta. Zu deren Autoren zählen: Mediziner, Psychologen, Juristen und Philosophen. Die Charta ist bei der Geschäftsstelle der DGSS (Obere Rheingasse 3, 56154 Boppard, info@dgss.org) kostenlos erhältlich.