Patientenbrief

Dezember 2007

CHRONIKER
Krankenkassen testen Gesundheitscoach

Berlin - Neuer Trend? Zwei Krankenkassen setzen auf die telefonische Betreuung von chronisch Kranken durch Pflegekräfte. Das Konzept wird zunächst im Rahmen von Modellprojekten erprobt.

Die Kaufmännische Krankenkasse (KKH) spricht von "Gesundheits-Coaching", die Deutsche Angestellten Krankenkasse (DAK) nennt es "ganzheitliches Betreuungsprogramm". Beide Namen beschreiben den gleichen Ansatz: Am Telefon sprechen Beratungskräfte mit den Versicherten über ihre Gewohnheiten, ihre Therapien und ihr Befinden. Dadurch soll bei den Patienten das Bewusstsein für den Umgang mit der eigenen Krankheit geschärft werden, eine Eskalation der Erkrankung soll zudem verhindert werden. Das Motto: Wer mehr über seine Gesundheit weiß, der lebt und handelt auch gesünder. Langfristig erhoffen sich die Kassen von diesem Ansatz Kosteneinsparungen. "Um es klar zu sagen: Wir wollen mit dem Programm die Lebensqualität chronisch Erkrankter verbessern. Wir wollen aber auch Kosten sparen", fasst DAK-Chef Prof. Dr. Herbert Rebscher die Ziele zusammen.

1.000 KKH-Versicherte werden bereits betreut
Bei der KKH ist das Pilotprojekt bereits angelaufen. Im Juli dieses Jahres sind zwei Versorgungszentren in München und Halle an den Start gegangen, die bisher rund 1.000 chronisch Kranke und akut gefährdete Versicherte betreuen. Das Coaching erfolge auf Grundlage des "shared decision making", betont die Kasse und verweist auf erste positive Resonanzen. Die DAK will Anfang 2008 in Bayern und Baden-Württemberg mit insgesamt 50.000 Versicherten loslegen. Zu ihrer Zielgruppe gehören: Patienten mit Diabetes mellitus, koronarer Herzkrankheit (KHK), Herzinsuffizienz oder chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD). Bei ihnen sollen begleitend zur akutmedizinischen Therapie der Lebensstil und präventive Potenziale verbessert werden. Sowohl bei DAK als auch bei KKH ist die Teilnahme freiwillig, Vergünstigungen wie bei den Disease Management Programmen (erlassene Praxisgebühr) gibt es nicht.

Konkurrenz für die niedergelassenen Ärzte?
Die telefonische Beratung übernehmen bei beiden Projekten Pflegekräfte, die für diesen Einsatz speziell geschult wurden. Treten die Krankenkassen damit in Konkurrenz zu den niedergelassenen Ärzten – insbesondere zu den Hausärzten? Dagegen wehren sich KKH und DAK ausdrücklich. Beide sind davon überzeugt, dass der Arzt von den Projekten profitieren werde, da ihn die telefonischen Berater entlasten könnten. "Die Telefonbetreuung ersetzt keineswegs den Arztbesuch, sondern ergänzt ihn. Wir erreichen die Patienten im Alltag und können so zum Beispiel erfragen, ob es Unverträglichkeiten bei den verordneten Medikamenten gibt oder inwieweit eine Ernährungsumstellung eingehalten wird", erläutert KKH-Chef Ingo Kailuweit. Er ist überzeugt, dass sich durch die regelmäßigen Kontakte ein Vertrauensverhältnis aufbaut. "Die Patienten können dann leichter zu einem gesünderen Lebensstil hingeführt werden, als das beim Arztbesuch möglich ist."

"Kein Herumpfuschen in der ärztlichen Therapiefreiheit"
Auch die DAK ist darum bemüht, die Ärzte mit dem neuen Ansatz nicht zu verärgern. Man wolle von Anfang an das Programm mit den Ärzten und nicht gegen sie etablieren, betont Rebscher und fügt hinzu: "Es wird nicht in der ärztlichen Therapiefreiheit herumgepfuscht." Rückendeckung für das DAK-Programm kommt von Dr. Axel Munte, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Bayern. Der Internist begrüßt auf der Pressekonferenz ausdrücklich den Ansatz: "Meine Überzeugung ist, dass hier eine sinnvolle Arbeitsteilung zwischen Ärzten und nichtärztlichem Personal im Rahmen eines durchdachten Versorgungskonzeptes dem Wohl der Patienten dient." Dennoch rechnet er mit Widerstand auf ärztlicher Seite. Der Arzt werde das Projekt mit argwöhnischen Augen begleiten, prophezeit Munte. Viel werde daher davon abhängen, wie die Schwestern geschult sind und wie sie Kontakt mit dem behandelnden Arzt aufnehmen.

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