Berlin - Eine intensive Aufklärung über gesunde Ernährung sowie mehr Sport- und Bewegungsmöglichkeiten sollen dem Phänomen des Übergewichts und der Fettsucht bei Kindern und Jugendlichen entgegenwirken. Diese Forderung erheben die Sachverständigen bei einer Anhörung des Bundestags-Ausschusses für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz.
Als vorbildlich stellt Beate Zelazny vom Wiesbadener Kultusministerium eine Initiative vor, wonach alle hessischen Schulen verpflichtet sind, die Gesundheitsförderung in ihr Unterrichtsprogramm zu integrieren. Dabei kooperieren die Schulen mit Fachverbänden wie etwa den Verbraucherzentralen. Laut Gerhard Rechkemmer von der Bundesforschungsanstalt für Ernährung und Lebensmittel hat sich Übergewicht unter jungen Leuten mittlerweile massiv verbreitet. Nach Angaben Edmund Fröhlichs, der bei einer Spezialklinik in Bad Orb arbeitet, gibt es bundesweit jährlich rund 15.000 Fälle von Fettsucht bei Jugendlichen. Wie Rechkemmer erläutert, können selbst in jungen Jahren Folgekrankheiten eines stark überhöhten Gewichts auftreten, etwa Diabetes, Herz-Kreislauf-Schäden oder Osteoporose.
Positive Botschaften statt Verbote
Das Anliegen von Aufklärungsbemühungen müsse es sein, so Erik Harms von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, Heranwachsende zu einem eigenverantwortlichen Umgang mit Ernährung und Bewegung zu befähigen. „Verbote schaffen Vorlieben, Gebote schaffen Aversionen“, warnt der Kinderarzt. Auch Prof. Raimund Geene mahnt, statt mit Verboten mit „positiven Botschaften“ zu arbeiten. Man dürfe Betroffene auch nicht stigmatisieren, hebt der Wissenschaftler von der Hochschule Magdeburg-Stendal hervor. Diese trage eher zur Verfestigung des Fehlverhaltens bei. Die aktuelle politische Diskussion in Deutschland wird laut Geene bestimmt durch eine „mediale Hysterisierung“. Hier zeigten sich deutliche Analogien zur Debatte in den USA. Dort habe dies die Verbreitung von Übergewicht nicht verhindert, sondern möglicherweise noch beschleunigt. Geene plädiert für eine Rahmenkampagne, die sich bewährter Erfahrungen bedienen sollte wie beispielsweise der Trimm-Dich-Aktionen der 1970er und 1980er Jahre.
Die Anhörung zu „Ernährung und Bewegung“ fand am 11. Juni statt. Weitere Stellungnahmen können im Internet herunter geladen werden: www.bundestag.de